//Rezension: Humphrey Carpenter „Tolkien – Eine Biographie“

Rezension: Humphrey Carpenter „Tolkien – Eine Biographie“

Es gibt unter den vielen Autoren, die ich schätze, zwei, bei deren Büchern ich das Gefühl des „nach Hause kommens“ verspüre. Das eine ist der „Erdsee-Zyklus“ von Ursula K. LeGuin (die auch als „feministische“ SF-Autorin Beachtliches geleistet hat1), der meine nordisch-maritime Herkunft zutiefst berührt, das andere die Mittelerde-Werke von J.R.R. Tolkien. Tolkien war für mich mit Anfang Zwanzig der Toröffner ins „Mittelalter“ und der Anstoß zu mehrwöchigen Wandertouren. Von kindlicher Lektüre der griechischen Sagen (Gustav Schwab) und populärwissenschaftlichen Büchern über die antiken Hochkulturen geprägt, galt mir alles, was nach dem Ende der Spätantike kam, als „Barbarei“2 Das Mittelalter war mir eine tumbe, finstere Epoche unzivilisierter Horden, die Aberglauben der Vernunft vorzogen. Ich war ganz Opfer der Klischees, die Gibbon und andere in die Welt gesetzt hatten.
Im Zweiten oder dritten Semester an der Uni wurde mir von einem älteren, wissenschaftlich brilliantem Studenten der „Herr der Ringe“ eindringlich als Lektüre für angehende Historiker empfohlen. Es gab gerade eine sechsbändige Sonderausgabe mit dem Hobbit als Zusatzband im Schuber für 50 DM und da die Einbandgestaltung überhaupt nicht nach „Fantasy“ aussah und mich ansprach, kaufte ich die Ausgabe.

Den Hobbit las ich noch entspannt, sehr amüsiert über den kindlich-köstlichen Humor. Den HdR hingegen verschlang ich, lag ganze Nächte lang wach und fieberte mit Frodo und Sam, mehr noch aber mit der Gruppe um Aragorn mit.
Mich erinnerten die „Reiter von Rohan“ sofort an rühmittelalterliche Reitervölker, die „Ostlinge“ an die hunnischen Horden, die ja, wie die Ostlinge auch, die Überreste „antiker“ Zivilisation bedrohten. Gondor, gegründet von den „Numenorern aus dem Westen“ war natürlich das seit Jahrhunderten um sein Überleben kämpfende Byzanz (Ostrom). Und die mächtige Festungsstadt Minas Tirith, die am Ende von allen Seiten von den Orks belagert wird, war natürlich Konstantinopel, dass sich fast 1000 Jahre lang erbittert gegen die am Ende unvermeidliche Eroberung stemmte.
Dies ist natürlich Humbug und Tolkien verwahrte sich zeitlebens gegen jedwede „historische“ Interpretation seines Werks – was aber nicht heißt, dass das Erahnen historischer „Inspirationen“ völlig absurd ist. Tolkien kannte sich gerade in der Zeit des Überganges von der Spätantike zum Mittelalter (die Epoche von etwa 400 bis 800) hervorragend aus.

Noch mehr berührten mich die Geschichten des „Silmarilion“, dieser in fast alt-testamentarischer Sprache und tiefer Poesie geschriebenen Legenden aus grauer Vorzeit, die den immer wieder aufscheinenden Hintergrund des HdR ausmachen und dem Werk seine einzigartige Wirkung verleihen.

Tolkiens Mittelerde-Werke öffneten mir den Horizont für das Frühmittelalter in seiner historisch einmaligen Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Kulturen. [3]

Natürlich identifizierte ich mich mit „Streicher“ und fand insbesondere an den Abenteuern in der Wildnis gefallen, interessierte mich nun auch für andere klassische (aka „mittelalterliche“) Fantasy, spielte „Das Schwarze Auge“ oder „Baldurs Gate“, las „Die Drachenlanze“ und wollte dann selbst in der Wildnis wandern – was in Europa glücklicherweise etwas schwierig ist. Dennoch folgten in den Folgejahren mehrere mehrwöchige Wandertouren.

Diese Fantasy-Begeisterung kühlte im Laufe der Zeit ab. Das einmal geweckte Interesse für das Mittelalter blieb und kulminierte in meiner Magisterarbeit.
Und bis heute stehe ich oft vor meinem Bücherregal, schaue auf die Reihe von Tolkiens Werken (die preiswerten Studentenausgaben sind schon lange durch etwas luxuriösere Hardcover Ausgaben ersetzt), nehme ab und an eines in die Hand, blättere darin herum, betrachte die Karten – und sage mir: noch nicht, die Zeit ist noch nicht gekommen, um mich wieder ganz von Beren und Luthien, Feanor, Morgoth, Turin Turambar und Tuor, den Zwergen von Belegrost oder den Elfen von Doriath und natürlich den Beutlins, Sackheims und Stolzfußens, Streicher, dem wackeren Samweis oder edlem Faramir einnehmen zu lassen und für eine Weile die Gegenwart ganz zu vergessen.

Der Sog, der mich nach Mittelerde zurück zieht, wurde die letzten Monate wieder deutlich stärker. Und so bestellte ich mir ein paar Bücher von und über Tolkien: die „Briefe an den Weihnachtsmann“, einen Band mit Briefen und endlich auch eine Tolkien-Biographie. Nur welche sollte ich nehmen?
Ich entschied mich für die von Humphrey Carpenter. Erschienen 1977 ist sie nicht nur die erste Biographie über Tolkien sondern der Autor kannte Tolkien persönlich (wenn auch nur flüchtig) und hatte Zugang zu Tolkiens Tagebüchern und Notizen, ja, er macht machte sich sogar die Mühe Tolkiens Eintragungen aus verschiedenen Elbenschriften ins Englische zu übersetzen.

Seine knapp 290-seitige Biographie verzichtet auf jede Art von Interpretation oder gar Wertung von Tolkiens Werken, hebt Tolkien weder auf einen Sockel noch ermüdet mit langatmigen Analysen von Tolkiens linguistischer Tätigkeit.

Carpenter zeichnet aus Tagebuchnotizen, Berichten von Angehörigen und Freunden und Anekdoten aus dem College-Alltag das Bild eines Mannes, der einerseits ein ganz durchschnittliches Leben lebte, teilweise voller absurder Vorurteile war und andererseits nicht nur einer der bedeutendsten Linguisten seiner Zeit war sondern ein Werk schuf, dass seit 70 Jahren Millionen von Lesern weltweit begeistert und Literatur und „Pop-Kultur“ beeinflusste, wie kaum ein anderes.

Die Zeichnung der Persönlichkeit Tolkiens ist eher ein grober Holzschnitt denn ein feines Portrait, ermüdet nicht durch tausend Details sondern versucht die groben Linien darzustellen: das (innere) Wesen eines Mannes voller Widersprüche, dessen tiefste Regungen immer wieder auf seine frühe Kindheit zurückführen: wenn etwa der frühkindliche „Zauber“, der von den ersten, auf walisischen Eisenbahnwaggons, gelesenen keltischen Wörtern ausgeht, viele Jahre später dazu führt, dass Tolkien sich intensiv mit walisischen Sagen beschäftigt oder wenn die Erkenntnis, dass die Sprache des Beowulf die Sprache der Vorfahren seiner geliebten Mutter in den westlichen Midlands war, dazu führt, dass er sich auf altenglische Literatur spezialisierte.
Überhaupt war Tolkien bei allem (nicht nur) wissenschaftlichem Perfektionsdrang ein zutiefst emotionaler Mensch. Es war der Klang der Wörter, die „glitzernde Oberfläche“ der Sprachen, hinter denen sich geheimnisvolle Tiefen andeuteten, die etwas in ihm zum Klingen brachten, seine Phantasie entzündeten und damit auch sein wissenschaftliches Interesse erweckten.
Seine Phantasie bedurfte kaum äußerer Einflüsse, er schöpfte vor allem aus den Erfahrungen und Leid seiner Jugend: dem Tod der Mutter im Alter von 8 Jahren (an seinen Vater hatte er kaum Erinnerungen, da dieser sehr früh verstorben war), häufigen Umzügen, jahrelanger Trennung von seiner großen Liebe (und späteren Ehefrau) weil sein Vormund den Umgang untersagte, später dem Grauen des Grabenkrieges an der Westfront und des Verlustes engster Freunde. Und seiner tiefen Liebe zur Natur, vor allem Wäldern und unverbauten sanften Hügeln, wie er sie in vier glücklichen Jahren mit Mutter und Bruder im ländlichen England erleben durfte. Das „Auenland“ ist das idealisierte Abbild dieses kindlichen Paradieses.

Tolkien war offenbar ein äußerst geselliger Mensch, der mit seiner unkomplizierten und herzlichen Art schnell Freundschaften schloss und auch bei stetig wachsender Reputation nie dem akademischen oder sonstigem Hochmut verfiel. So, wie er den Austausch mit intellektuell Ebenbürtigen brauchte (und dem er mit der Gründung zahlreicher Klubs vom T.C.B.S seiner Jugend bis zu den berühmten „Inklings“ im Oxford nachhalf), erfreute er sich auch an der Gesellschaft einfacher Menschen, mit denen er über alltägliche Dinge reden konnte. Er war handwerklich begabt, reparierte viel im Haus und war bis ins hohe Alter, als er aufgrund der Erlöse aus den Buchverkäufen wohlhabend wurde, sehr sparsam aber gleichzeitig auch großzügig beim Gewähren von Hilfe. Er war bis zur Selbstverleugnung höflich (er konnte Besucher, die ihn insbesondere nach dem Erscheinen des Hobbits und HdR in Scharen heimsuchten, nie abweisen, beantworte lange Zeit ALLE Leserbriefe persönlich), verabscheute französische Küche, war in den 1930ern und 1940ern begeisterte Autofahrer – bis er die Luftverschmutzung und „Verhunzung“ der Landschaft durch immer mehr Autostraßen bemerkte und wurde mit seiner Kritik an der Industrialisierung (wie sie sich am deutlichsten in dem Wandel vom Garten zur Waffenschmiede Isengart zeigt) ungewollt zur Inspiration der noch jungen Umweltschutzbewegung, die ab den 1950ern unter Studenten um sich griff.

Carpenter beschreibt die Kontinuität und die Wandlungen in Tolkiens Charakter, sein inniges aber zeitweise auch sehr gespanntes Verhältnis zu seiner Frau, seinen lebenslangen Drang zu ernsten Männerfreundschaften (seit seiner Kindheit Ersatz für die Familie), insbesondere zu C.S Lewis in klaren Sätzen zwischen dokumentarischen Bildern und fast romanhaften Passagen. Er zeigt auf, wie 50 Jahre lang ein Werk aus erfundenen Sprachen, erdachter Geschichte zu den diese Sprachen sprechenden imaginären Völkern und Mythen von archaischer Kraft erst als „privater Unsinn“ wächst und ab den 1940ern zunehmend zu Tolkiens Hauptbeschäftigung wird, unter der seine wissenschaftlichen Publikationen zunehmend leiden.
Er zeichnet seine Biographie mit großer Sympathie für den etwas verschrobenen aber zutiefst herzensguten „typisch englischen Landmann“, der in seinem Wesen die Facetten seiner erfundenen Figuren vereinte: die biederliche Gemütlichkeit der Hobbits, die kein Verlangen nach Abenteuern haben aber sobald das Abenteuer begonnen hat ganz unerwartete Charakterzüge zum Vorschein kommen lassen, die Melancholie der Elben über den Niedergang der Welt und verlorene Schönheit, den Humor der Zwerge mit ihrem Hang zu „gut abgehangenem Fleisch“ und Bier (Tolkien hatte im Keller ein Bierfass), den schnell aufbrausenden Zorn eines Boromir und das tiefe Verständnis für die Außenseiter eines Faramir – und die zutiefst romantische, lebenslange Liebe eines Beren zu seiner Luthien, die nicht auf gemeinsamen geistigen Interessen oder gar intellektueller Gleichheit beruhte, sondern auf ähnlichen Erfahrungen in der Jugend, gewürzt mit einer starken Portion Erotik (Edith Bratt war eine außergewöhnlich schöne Frau) und beiderseitig zärtlich-respektvollen Umgang.

Die Lektüre dieser Biographie läßt den Menschen Tolkien hinter dem Werk sichtbar werden, ist gleichzeitig auch ein Portrait des Mikrokosmus „Oxford“ von den 1920ern bis in die 1950er Jahre und damit Portrait einer Generation von Geisteswissenschaftlern. Der für mich interessanteste Fakt war, dass Tolkien nicht nur Katholik war sondern ihm seine Religion sein ganzes Leben sehr ernst war (und sich darin wiederum die tiefe Liebe zu seiner Mutter, die zum Katholizismus übergetreten war und von ihrer Familien deswegen viel Unbill erdulden musste). Zudem hat er indirekt C.S. Lewis zum Christentum „bekehrt“ und ebenso auch zu dessen Narnia- und anderen Kinderbüchern inspiriert.
Sehr interessant ist auch die Beschreibung des Entstehungsprozesses von Tolkiens anderen Werken: wie Tolkien generell Erzählungen nicht einfach niederschrieb sondern von einzelnen Wörtern, meist Namen, ausging und „herausfand“ was es damit auf sich hatte. Tolkien „erfand“ seine Geschichten nicht sondern er „entdeckte“ sie – wie ein Archäologe, der aus dem Schutt vergangener Zeitalter nach und nach das Bild vergangener Völker und ihrer Protagonisten rekonstruiert. Das Tolkiens Werke zutiefst christlich geprägt sind ganz ohne dass „Gott“ darin eine Rolle spielt, entspricht ebenfalls Tolkiens Wesen: er haßte Allegorien und Autoren, die mittels Geschichten konkrete Lehren unter ihren Lesern verbreiten wollten. Er war der Meinung, dass in jedem bedeutendem Werk von ganz alleine eine tiefere Wahrheit hindurchscheine und siedelte seine Erzählungen bewusst lange VOR dem Beginn historischer Aufzeichnungen an. Aber sie spielen dennoch auf unserer Erde, bevor die „Erde zerbrochen und die geraden Wege krumm wurden“ und die Elben sind ein Bild des Menschen und seines Potentials VOR dem Sündenfall.

Humphrey Carpenter, Tolkien – Eine Biographie, Klett-Cotta, Dritte Auflage 2002.

1Mit „Freie Geister“ (auch bekannt als „Freie Geister“) hat sie eine der intelligentesten Analysen des Kapitalismus und Sozialismus mit ihren Stärken und Schwächen des 20. Jahrhunderts geliefert. In anderen Büchern thematisierte sie im Gewand der SF Umweltzerstörung („Das Word für Welt heißt Wald“), stereotype Rollenmuster lange bevor „gender“ ein Begriff war („Winterplanet“, bekannt auch als „Die Linke Hand der Dunkelheit“). Einige ihrer Werke zählen zurecht zu den wichtigsten SF-Romanen des 20. Jahrhunderts. Nie geht es um „Alien-Schlachten“ sondern immer, wie generell in der High-SF, um Analyse menschlicher gesellschaftlicher Probleme. Soziologie mit Philosophie verbunden im Gewand spannender und origineller Erzählungen.

2 ich glaube bis heute, dass der Zusammenbruch des römischen Reiches den menschlichen Fortschritt um 1000 Jahre zurückwarf und wir, wären die Wissenschaften des Hellenismus nicht in der Völkerwanderungszeit
„vergessen“ worden, heute mindestens den Mars kolonisiert und Vorposten auf den äußeren Planeten des
Sonnensystems errichtet hätten. Zum Hellenismus stelle ich bald, nach Lektüreende, ein anderes Buch vor.

3 Während in Ostrom die (christianisierte) Antike, im Persischen Reich eine noch viel ältere Traditionslinie fortbestand, fielen aus den asiatischen Steppen in immer neuen Reihen wilde Nomadenvölker ein, flohen Germanen vor Hunnen, überrannten Westrom und gründeten ihre eigenen Reiche, in denen der Samen römischer Zivilisation bald erneut aufblühte. Fürchterliche Pestepidemien und großartige Bauwerke, wie die Hagia Sophia, ein fast hundertjähriger „Stellungskrieg“ zwischen Rom und Persien, Großtaten von Herrschern eines Alexanders würdig, christlicher Märtyrer, germanische Runenkundige und am Ende die völlige Umgestaltung der mediterranen Welt durch die arabischen Eroberungen – ein kaum überblickbares Mosaik aus grellen Farben, in dem König Artus, antike Gelehrsamkeit und Schlachten mit Zehntausenden Soldaten genauso zu Hause waren, wie Runenkundige, Schamanismus und Menschenopfer.

By | 2021-02-27T15:43:34+02:00 Februar 27th, 2021|Categories: Allgemein|Kommentare deaktiviert für Rezension: Humphrey Carpenter „Tolkien – Eine Biographie“

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