//Buchvorstellung: Gleichheit – Das falsche Versprechen

Buchvorstellung: Gleichheit – Das falsche Versprechen

Nach Rutger Bergmanns „Utopien für Realisten“ und Ted Carpenters „Tolkien- Eine Biographie“ stelle ich heute das dritte Sachbuch, zu dem ich „dank“ Lockdown Muße gefunden habe, vor: Gleichheit, Das falsche Versprechen von Martin van Crefeld.

Auch dieses Buch stand bei mir einige Jahre im Regal. Schon der Titel hat mich irritiert und dann erst der Autor, ein israelischer Militärhistoriker. Als antisemitischer Linker [1] hat mich ein derart rechts-liberaler jüdischer Titel natürlich zutiefst abgestoßen.

Ähnlich groß wie bei Bergmann dann die Überraschung: mitnichten ein Plädoyer gegen die Idee, dass politische Freiheit ohne eine soziale Dimension wenig wert ist und auch kein Loblied auf die gestalterische Kraft des freien Marktes. Statt dessen der Versuch, die erste Geschichte der „Idee der Gleichheit“ zu schreiben und den Bogen von der Anthropogenese bis hin zum Transhumanismus zu spannen. Vieles war mir bekannt (es wäre schlimm, wenn dies nach 16 Semestern Geschichtsstudium anders wäre) aber Einiges war neu – und sehr interessant.
Etwa, dass Rabelais Dichtung „Gargantua und Pantagruel“ auch in das Subgenre der „Utopie-Romane“ gehört – denn der Riese Pantagruel hat in einem weit entfernten, unbekannten Land inmitten prächtiger Gärten die Abtei Thelemé gegründet, in der inmitten unbegrenzter Ressourcen eine „Gesellschaft adliger Männer und Frauen“ lebt, die „alle Muße der Welt“ genießen, zudem sind alle „schöne, wohlgebildete, gutartige Leute“, insbesondere die Frauen „von edlem Sinn und himmlisch anzuschauen, mit kühnem Mut zur rechten Stund, mit schönem Wuchs und klugen Mund“. Die beiden Gesetze dieser Abtei sind „Tu was du willst“ und „sei glücklich“. Und weil die Menschen so edlen Sinnes sind, artet dies nicht in Exzessen und Perversionen aus – ganz im Gegenteil zur süditalienischen Abtei „Thelema“ des modernen Satanismus-Begründers Aleister Crowley, dessen Leitsprüche „Tu was Du willst“ und „Liebe unter Willen“ [2] demnach auch nur ein „Klau“ aus älteren Quellen ist und genauso un-originell wie sein sonstiger Mix aus Ägypten-Begeisterung und Yoga-Verballhornung…

Oder der Teil über die us-amerikanischen Utopie-Experimente in unabhängigen Gemeinschaften freier Christen, die allesamt recht schnell scheiterten, weil sich die frommen Stifter entweder als patriarchale geile Böcke, die sich an den Frauen ihrer Herde vergriffen, entpuppten oder als geldgierige, geile Böcke, die das mit „Schätzen im Himmel sammeln“ falsch verstanden hatten. Der Rest hat, sofern er sich nicht a lá Mormonen organisierte, eine ähnliche Entwicklung wie die israelischen Kibbuze genommen, nur im Zeitraffer.
Während die erste Kibbuz-Generation der Idee des Wohnens in Gemeinschaftshäusern, dem „ora et labora“ (aber mit den ehelichen Freuden) und weitgehendem Verzicht auf Privatbesitz noch wohlgesonnen war, änderte sich dies sobald die Frauen Schwanger wurden. Den Paaren wurden dann eigene Wohnungen zu geteilt, und die Mütter (selten die Väter) mussten oft außerhalb der Kibbuze (Teilzeit-) Arbeit annehmen, um die besonderen materiellen Bedürfnisse, die Babys so mit sich bringen, stillen zu können. Eigene Wohnung + eigenes Geld führen zu einer zunehmenden Trennung von der Gemeinschaft der Gleichen und Privateigentum über das Nötigste hinaus (aka bescheidener Wohlstand) üben eine verführerische Kraft aus. Heute gibt es kaum noch einen Kibbuz, in dem das alte „sozialistische“ Ideal der Gründergeneration noch gelebt wird.
Diese Entwicklung war offenbar seit der Antike allen Utopisten bewusst, weswegen von Platon über Morus, Bacon, Campanella, … bis hin zu den Anarchisten in allen Werken Privateigentum abgeschafft, Familien durch „kollektive Strukturen“ ersetzt (aka Kindesentzug, der ja auch in Huxleys „Brave new world“ elementar ist) und die Einhaltung dieser mehr oder weniger „Drohnen-artigen“ Gesellschaften durch „Wächter“ und ähnliche totalitäre Strukturen gewährleistet werden sollte.

Neben einem sehr lesenswerten Gesamtüberblick über die Entwicklung der Gleichheits-Idee mit Einordnung in den historischen Kontext samt vielen, oft skurrilen, Details ist das Buch entgegen seines Titels Plädoyer für einen durchdachten und auch sozial ausbalancierten Gleichheitsbegriff.

Denn die Idee, das Menschen einander irgendwie „gleich“ seien und sich aus dieser Gleichheit gesellschaftliche Folgen ableiten ist eine kulturelle und biologische Kuriosität, die es zu bewahren gilt.

Unter den Menschenaffen (und dies gilt für alle Säugetiere mit komplexeren sozialen Strukturen) gibt es keine „Gleichheit“, sondern das Prinzip der „Dominanz“, aus der sich die Rangordnung innerhalb der Gruppe ableitet. Ohne solche Rangordnungen würde ein permanenter „Krieg aller gegen Alle“ um Nahrung und Zugang zu Weibchen herrschen, was für das Überleben der Gruppen (und damit der Spezies insgesamt) spätestens in Zeiten des Ressourcenmangels äußerst gefährlich wäre. Schimpansen sind die Menschenaffen mit der „flachsten Hierarchie“ – und bei Schimpansen ist Aggression innerhalb der Gruppe stärker verbreitet als bei allen anderen, Schimpansen führen sogar regelrechte „Kriege“ gegen andere Schimpansen-Gruppen.
Auch die berühmte Ausnahme von der Regel, die Bonobos (Zwergschimpansen), führen kein rundum friedliches, egalitäres Gruppenleben. Auch unter Bonobos kommt es zu Kämpfen innerhalb der Gruppe, nur arten diese bei weitem nicht so aus, wie bei Schimpansen, so dass sie im Vergleich sehr friedfertig wirken. Was nach Ansicht der Biologen damit zu tun hat, dass die Gruppen meistens von Weibchen dominiert werden und „Dominanz“ eher durch „sozialen Bündnisse“ innerhalb der Gruppe erzielt wird – und dabei ist „Sex“ eine wichtiger Faktor [3] zur „Beruhigung“ des primär von den Männchen ausgehenden „Streßes“.

Bei Menschen ist die Idee der Gleichheit noch ungewöhnlicher, denn auch alle Kulturen beruhen eher auf dem Prinzip der Ungleichheit.
Auch hier entpuppen sich die „Ausnahmen von der Regel“ – die vermeintlich egalitären und freien Stammesgesellschaften – bei genauem Hinsehen keineswegs als Idyll sondern als Hort großer Unfreiheit. Dies wird besonders am Beispiel der Andamen deutlich. Die Bewohner dieser Inselgruppe im indischen Ozean lebten bis zur ihrer „Entdeckung“ bzw. Besetzung durch die Briten im 19. Jahrhundert seit Zehntausenden von Jahren ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, von der sie vermutlich vor etwa 60.000 Jahren einwanderten. Sie beherrschten als EINZIGE bekannte „Kultur“ der Erde nicht einmal die Kunst des Feuermachens sondern hüteten nur durch Blitze erzeugtes Feuer, um es nutzen zu können. Sie waren also die „ursprünglichste“ aller menschlichen Populationen, die originalste „Ur-Gesellschaft“ von Jägern und Sammlern. Und in der Tat gab es keine Hierarchien, wie wir sie kennen: keine Kasten, Stände, Adligen, Häuptlinge usw. Alle waren „gleich“ – und sehr arm, weil das Überleben im menschenfeindlichen Urwald kein „Mehrprodukt“ und ergo keine gesellschaftliche Spezialisierung ermöglichte. Dafür führten die Stämme gegeneinander Krieg und verspeisten mit Vorliebe ihre Gefangenen und schiffbrüchige Fremde. Aber bei aller „Gleichheit“ waren die Individuen der Gruppe dennoch sehr unfrei: weil das gesamte Alltagsleben vom Aufstehen bis zum Schlafengehen durch Rituale und Tabus bestimmt war, über deren Einhaltung eine Art „Schamanen“ wachte. Verstoß gegen diese höchst komplexen ungeschriebenen Gesetze bedeutete Strafen… Größtmögliche Freiheit um den Preis größtmöglicher Unfreiheit – Sklaven von Ritualen. Und selbst in diesen urtümlichen Stämmen ist schon der Keim der „Ungleichheit“ in Form der Schamanen, die den „Willen der Geister“ und die daraus resultierenden Rituales und Tabus „interpretierten“…

Die Griechen waren die ersten, die postulierten, dass Menschen nicht einfach „Untertanen“ gott- gegebener Könige seien, sondern „Bürger“, die die Regeln des Zusammenlebens selbst definieren. Was nur geht, wenn diese Bürger politisch irgendwie „gleich“ sind. Und diese neuen „bürgerlichen“ Polis waren erstaunlich erfolgreich – erfolgreicher als die phönizischen und etruskischen Stadtstaaten und auf Dauer sogar den mächtigen orientalischen Reichen überlegen. Politische Gleichheit mit sozialer Gleichheit zu verbinden, kam den Griechen allerdings kaum in den Sinn. Außer den Spartanern, die den Boden gleichmäßig unter die Bürger aufteilten – und die das Land dann durch die Sklavenkaste der „Heloten“ bewirtschaften ließen, um sich ganz der Kriegskunst zu widmen. Sozusagen der Prototyp eines ethnisch reinrassigen, sozial und politisch egalitären faschistoiden Staates. Aber selbst hier führte die politische und soziale „Gleichmacherei“ innerhalb weniger Generationen zu einer extremen Schieflage des Staates, weswegen man zu einer weniger egalitären Staatsordnung zurück gehen musste.
Römer, mittelalterliche Stadtrepubliken, Hansebund – „Gleichheit“ war hier immer nur im Sinne gleicher politischer Rechte für einen kleinen Personenkreis gedacht. Einzige Ausnahme: mönchische Gemeinschaften im Christentum und im Buddhismus. Aber selbst dort herrschten Hierarchien und diese Klöster waren vom normalen Leben abgeschirmte „Inseln inmitten des Meeres der Ungleichheit“.
Erst John Locke setzte die Idee der „natürlichen Gleichheit“ der Menschen in die Welt – und seitdem kommt niemand mehr um diese Idee herum. Selbst die schlimmsten Diktatoren sahen und sehen sich genötigt, ihre Herrschaft mit dem Label der „Gleichheit“ zu versehen – mit den bekannten Katastrophen des 20. Jh. als Folge…

Fazit des Buches: Gleichheit und Freiheit sind Vorder- und Rückseite einer Medaille und müssen miteinander ausbalanciert werden. „Gleichmacherei“ war und ist nur um den Preis gleichzeitiger Freiheitseinschränkung zu bekommen und unbegrenzte Freiheit nur um den Preis extremer Ungleichheit. „Sozialismus“ wie „Herrschaft des Marktes“ führen in die Sackgasse. Die liberale Demokratie mit sozialer Absicherung, wie sie sich nach 1945 in Westeuropa und einigen anderen Ländern etablierte, ist das bisher beste Modell, um möglichst vielen Menschen möglichst viel Freiheit und Gleichheit zu garantieren.
Aus Sicht des Autors sägen wir gerade an diesen Errungenschaften – eine Einschätzung die ich angesichts immer hanebüchener Auswüchse der sog. „Identitätspolitik“ teile, die ja immer mehr in das alte Schema „alle Gruppen sind gleich aber manche Gruppen sind gleicher“ abzudriften scheint. Damit wird die „Emanzipation des Individuums vom Kollektiv“ ad absurdum geführt und damit auch die Idee der Gemeinschaft freier, politisch gleichberechtigter und sozial abgesicherter Bürger. Diese ist aber nicht nur die vielleicht bedeutendste „Gabe“ des Abendlandes an die Welt sondern auch Fundament einer a-historisch langen Periode von Frieden und Wohlstand in immer größeren Teilen Europas.

Martin van Crefeldt: Gleichheit – Das falsche Versprechen, 2018, Berlin, Manuscriptum Verlag

[1] Denn Antisemitismus gehört ja zur „linken DNA“, wie uns in bester „1984-“Manier seit einiger Zeit moderne „Denker“ erzählen, weil ja der Verweis auf Vermögensbasierten Machtstrukturen, aka Kritik am Finanz-Kapitalismus (also Kapital-Kapitalismus), ohne den Nazi-Mythos des „Weltfinanzjudentums“ nicht denkbar und daher „struktureller Antisemitismus“ sei. Das kommt davon, wenn Hannah Arendt nicht mehr zum Kanon dieser „Experten“ gehört…

[2] Mit „Liebe unter Willen“ und „Tu was du willst“ ist bei Crowley, der sich als einer der ersten „Okkultisten“ mit Buddhismus beschäftigte, wohl die (ebenfalls aus dem Buddhismus stammende) Idee gemeint, dass man seinen „wahren Willen“, also sein „wahres Selbst“ bzw. „wahre Bestimmung“ ergründen müsse und dieser dann folgen solle. Was Anfangs noch eine interessane Adaption östlicher Weisheitslehren im Gewand abendländisch-okkulter Tradition war, artete dann in unbegrenzter Befriedigung aller aufkommenden Impulse aus – eben in den Vulgär-Satanismus „gelangweilter, geiler alternden Männer und Frauen“, wie es der Okkultist Boris Balkan in Polanskis „Die neun Pforten“ formuliert.

[3] Der „Krieg“ der beiden Affenmenschen-Gruppen am Anfang von Clarkes „2001 – Odyssee im Weltraum“ ist an die damals neuesten Erkenntnisse der Primaten-Beobachtung angelehnt.

[3] Ob Heinlein dies bekannt gewesen ist, weiß ich nicht. Aber in seinem Roman „Zeitsprung“ (1962) schildert er eine Gesellschaft etwas 1000 Jahre nach dem dritten Weltkrieg, in der die schwarze Diener-Kaste“ von ihren eher mediterranen / arabischen Herren durch Zugang zu „Weibchen“ trotz enormer Körperkraft gefügig gehalten wird. Diese mittels Nahrungs- Drogen- und Weibchen- Privilegien gezähmte Kaste, die jederzeit ihre Beherrscher hinweg fegen könnten, werden als „Bullen“ bezeichnet…

By | 2021-04-21T23:04:21+02:00 April 21st, 2021|Categories: Allgemein|Kommentare deaktiviert für Buchvorstellung: Gleichheit – Das falsche Versprechen

About the Author: