„Hinter jedem Terrorismus und jeder Gewalttätigkeit steht eine innere Leere, die ihre Ursache darin hat, dass sich keine Identität bilden konnte, die im Mitgefühl und in der Empfindsamkeit für den eigenen Schmerz und den des anderen wurzelt. Wenn ein solches Fundament fehlt, entsteht eine Identitätsstruktur, die nur auf Identifikationen mit Autoritäten und auf Gehorsamkeit beruht und die Entwicklung einer wirklichen eigenen Identität verhindert. Das, was das Eigene hätte sein können, wird gehaßt, weil die erziehenden Autoritäten es abgelehnt haben und das Kind dazu verdammt war, es als fremd abzuspalten. Die Leere, die solche Menschen empfinden, macht sie mehr als andere empfänglich für die Inszenierung von Spektakeln, weil diese ihnen das Gefühl geben, mit Stärke und Macht (im Sinne von Herrschaft über Schwäche) vereint zu sein. Das ist es, was hinter jeder Art von Faschismus, dem rechten wie dem linken [hier ist Stalinismus gemeint], steht. Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb solche Menschen als krank und unreif, da ihre Identifikation mit strafenden Autoritäten die Selbstentdeckung, also eine eigene Identität, verhindert. Es gibt keine Selbstbestimmung, sondern nur eine Vermassungstendenz, die sich gegen Individualität richtet. Es fehlt ihnen an Ganzheitlichkeit. Sie können innere Konflikte nur außerhalb ihrer Selbst lokalisieren. Ihre Ängste und Hassgefühle bekommen sie nur in den Griff, indem sie sie auf äußere „Feinde“ projizieren. Indem sie andere töten, machen sie sich selbst zunichte, weil ja ihr Haß auf andere ein projizierter Selbsthaß ist“
(Arno Grün, Der Kampf um die Demokratie – Der Extremismus, die Gewalt und der Terror, 2002, Stuttgart, Klett-Cotta, S. 137ff.)

Die Muster rechtsextremen und linksextremen Verhaltens ähneln sich, da beide aus einer ähnlichen psychologischen Konstellation herrühren. Beide üben im Namen einer „höheren Sache“ Gewalt gegen andere Menschen aus. Die Rechtsextremen entmenschlichen zuvor ihre Opfer („Viehzeugs“, „Ungeziefer“ usw.), die Linksextremen nehmen die Opfer ohne großes Bedauern als notwendigen Preis um „der Sache willen“ hin und bemerken nicht den Widerspruch, dass man die Menschheit kaum „retten“ kann, indem man Menschen töten bzw. deren Tötung akzeptiert. Beiden Verhaltensweisen geht immer Verrohung bzw. Manipulation der Sprache voraus. Beide sind nicht in der Lage zwischen TATEN und den MENSCHEN, die diese begehen zu unterscheiden. Taten sind zu verurteilen und zu unterbinden, Menschen ist zu helfen, auch den Menschen die man nicht mag, auch den „Ausländern“ oder „Nazis“.
Daher kann ich die Diskussion auf Dresden nazifrei, dass es schon okay wäre, Böller gegen Nazis zu werfen (weil die sind ja die Arschlöcher…) oder die Bemerkung von Erwin Pelzig: „Wenn eine Frau einen stadtbekannten Nazi halbtot schlägt, würden sie dem Nazi helfen?“ (Antwort Pelzig: ich würde der Frau helfen – Pelzig hält sich, September 2015) nicht lustig finden.
Bei all den Demos und Gegendemos, diesen holen Ritualen die nichts ändern. außer dass die Stimmung und Sprache immer aggressiver wird und unnütz Energie verschwendet wird, die ALLE Teilnehmenden sicher für Anderes bitter nötig hätten, von den Steuermitteln, die wir lieber in Hilfe für die Flüchtlinge stecken sollten, nicht zu reden, schwant mir nichts Gutes. Es geht schon lange nicht mehr darum, sinnvolle Lösungen für Probleme zu finden, sondern nur noch Lagerbildung nach der Devise „Wir sind das Volk“ vs. „Wir sind die Guten und ihr die Arschlöcher“.
Deswegen gehe ich grundsätzlich zu keiner derartigen Demo hin. Es bringt nichts. Und Friedensdemos (die Weltlage ist SEHR instabil, überall wird gezündelt) gibt es außer den kleinen, letztes Jahr schön in die „neurechte“ Ecke geschriebenen Mahnwachen keine – vielleicht weil „Frieden“ oder besser „Krieg“ uns alle – rechts und links – angeht. Und da fehlt dann Vielen offenbar der Feind, denn die aktuelle Weltlage ist kompliziert und der „Feind“ nicht so einfach auszumachen, wie der „Ausländer“ (für Nazis) oder der „Rechte“ (für Linke).

P.S. Nach Grün (basierend auf einer Vielzahl von Studien verschiedener westlicher Länder) sind etwa 8-30% der Bevölkerung aufgrund von falscher Erziehung (einseitig auf Gehorsam fixierte, die Bedürfnisse des Kindes ignorierend, autoritäre Erziehung) psychisch stark geschädigt, dass sie Therapien bräuchten, um ihr „abgespaltenes Selbst“ wieder zu finden. 30-40% „schweigende Mehrheit“ ist aufgrund ähnlicher Erziehungsmuster psychisch auch „beschädigt“, aber deutlich weniger, so dass ihre Empathie „aufgerüttelt“ werden kann. Nur etwa 30% sind aufgrund „heiler Kindheit“ psychisch gesund und deswegen gegen jede Art von Extremismus „immun“ – weil ihre Empathie voll funktionsfähig ist und sie daher die hinter ideologischen Phrasen versteckte Gewaltandrohung gegenüber „Anderen“ spüren und ablehnen.

Dummerweise holen wir uns nun massiv Menschen ins Land, die aus einer Kultur kommen, in der genau die Art von Erziehung, die diese psychischen Schäden erzeugt, noch weiter verbreitet sind, als bei uns und daher das unter der Oberfläche schlummernde Gewaltpotential sehr groß ist. In Syrien wird es durch Autorität (klare Regeln mit harten Strafen bei Verstoß) unter Kontrolle gehalten. Deswegen sind klare Ansagen für alle Flüchtlinge so dringend nötig, sonst wird es noch viel Schlimmer werden, als es schon ist:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article147248676/Wenn-die-Flucht-in-Deutschland-toedlich-endet.html