//Milton, das Paradies der Tiere und die Genesis

Milton, das Paradies der Tiere und die Genesis

»Mein Eingeborner, siehst Du, welche Wuth / Den Widersacher peinigt? keine Grenzen, / Der Hölle Riegel nicht, noch alle Ketten, / Die dort gehäuft sind, noch die tiefe Kluft / Des weiten Abgrunds können ihn erhalten. / Auf Rache der Verzweiflung sinnt er stets, / Die nur zurückfällt auf sein eigen Haupt. / Jetzt, da er jede Hinderung durchbrach, / Nimmt er nicht fern vom Himmel seinen Weg, / Im Vorbezirk des Lichts, gerade hin / Zur neuerschaffnen Welt, und zu dem Menschen, / Versuchen will er, ob ihn nicht Gewalt, / Ja schlimmer noch, ihn List verderben könne. / Und sieh! er wird’s! – Denn seinen Schmeichellügen / Vertraut der Mensch und übertritt das einz’ge / Gebot, als des Gehorsams einzig Pfand. / So wird er fallen und sein ganz Geschlecht. / Durch wessen Schuld? durch seine nur allein! / Der Undankbare, der ja Alles hatte, / Was er nur haben konnte; schuf ich doch / Gerecht und recht ihn; gab ihm Kraft zu stehn, / Doch Freiheit auch zu fallen. Ich erschuf / Also die ganzen Himmelsmächt‘ und Geister, / Die jetzt noch stehn, wie die Gefallenen. / Die standen frei, und diese fielen frei. / Unfrei, was wäre der Beweis der Treue, / Des echten Glaubens und der Liebe dann, / Wenn sie nur thäten, was nothwendig wär‘, / Nicht, was sie wollten? Welches Lob für sie? / Und welche Lust hätt‘ ich an dem Gehorsam, / Wenn Wille wie Vernunft (auch sie ist Wahl) / Vergeblich, nutzlos und der Freiheit baar, / Zum Leiden nur geboren, nimmer mir, / Nur der Nothwendigkeit gedienet hätte? / Drum schuf ich sie, wie es das Recht erheischt, / Sie können weder ihren Schöpfer, noch / Die Schöpfung und das Schicksal je verklagen, / Als ob Vorherbestimmung, durch Beschluß / Und durch Voraussehung unänderlich, / Den Willen ganz beherrschte. Nur sie selbst / Beschlossen ihren Abfall, nimmer ich. / Wußt ich ihn schon, so übte dieses Wissen / Nicht Einfluß auf die Schuld, die so gewiß / Begangen ward – auch unvorhergesehn. / Sie sündigen drum ganz sonder Einwirkung / Und Schatten des unänderbaren Schicksals. / Durch Urtheil oder Wahl sind sie in Allem / Urheber selbst, denn ich erschuf sie frei, / Und frei auch bleiben sie, bis selber sie / Sich unterjochen; ändern müßt ich sonst / Ihr Wesen, und den hohen wandellosen / Beschluß für ihre Freiheit widerrufen, /Denn sie beschlossen selber ihren Fall. / Aus eignem Triebe fiel das erste Paar, / Sich selbst verführend, doch durch sie betrogen / Fällt erst der Mensch, ihm werde Gnade drum, / Doch jenen nicht. Im Himmel und auf Erden / Soll meine Glorie durch Gerechtigkeit / Und Gnade leuchten, ja vor Allem soll /Im hellsten Lichte stets die Gnade strahlen.«
(Milton, Das verlorene Paradies, aus dem 3. Gesang).

Milton gibt, dichterisch wunderschön formuliert, seine Antwort auf die Theodizee-Frage: Gott wusste im Voraus, was passieren würde aber weil er den Menschen (wie die Engel) nicht als dumme Diener sondern „in seinem Bilde“ als Wesen mit FREIEM Willen erschaffen wollte, akzeptierte er den Gang der Dinge. Der Teufel, der genau wusste, was er tat, wird dafür die Verdammnis erleiden. Der Mensch hingegen erträgt nur die Folgen seiner eigenen Entscheidung: er wird nicht von Gott bestraft, sondern erleidet Not und Elend schlichtweg als Konsequenz seiner eigenen, freien Entscheidung. Deswegen lässt „Gott auch nicht das Böse zu“ sondern der Mensch verursacht das „Böse“ selbst. Im Gegenteil: Gott wird den Menschen von den Folgen seiner eigenen Taten „erlösen“- weil er seine Schöpfung liebt, wird er „Gnade vor Recht“ ergehen lassen, zumal der Mensch, wenn auch „vollkommen“ erschaffen, noch keine Erfahrung mit Heimtücke hatte und wurde von einem weit klügeren und mächtigerem Wesen zu seiner Entscheidung verführt wurde.

Einen Widerspruch kann aber auch Milton nicht auflösen. Gott erschuf den „Menschen in seinem Bilde“, was sicher nicht sein Aussehen meint – dann wäre Gott, wie bei den alten Griechen nur ein „Über-Mensch“, klüger, stärker, mächtiger – also eine Art „Zeus“, wie noch die Renaissance-Maler Gott bildlich darstellten. Der Mensch unterscheidet sich in drei Dingen vom Tier: Fähigkeit zum Denken (was Ich-Bewusstein voraussetzt, „ich denke also bin ich“), davon abgeleitet die Fähigkeit zwischen verschiedenen „denkbaren“ Entscheidungen zu wählen (zwischen „gut und böse zu unterscheiden“) und drittens „Schöpfertum“. In diesen Dingen gleicht der Mensch Gott, ist im „Bilde Gottes“ erschaffen.

Nun besteht der „Sündenfall“ aber darin, dass Adam und Eva vom „Baum der Erkenntnis“ aßen, durch den sie überhaupt erst zwischen „gut und böse“ unterscheiden konnten. Erst dadurch, dass sie gegen das Gebot, nicht von dieser Frucht zu essen, verstießen, wurden sie zu dem, als dass sie laut Genesis erschaffen wurden: Wesen im „Bilde Gottes“, also mit freiem Willen. Das ist ein textliches Paradox, dass sich anhand der Bibel nicht auflösen lässt und alle Erklärungsversuche (die man sich zurecht basteln könnte) sind Spekulationen ohne Belege in der Bibel.

Das ist der eigentliche Knackpunkt der Theodizee-Frage, die Theologen und Philosophen seit 2000 Jahren (und länger) beschäftigt: wenn Gott alliebend und allmächtig ist, wieso gibt es das „Böse“ (anders gefragt: wieso hat der allwissende Gott den Engel, der später Satan wurde, erschaffen bzw. seine Taten nicht verhindert?) Die Antwort liegt eben im „freien Willen“, den der Mensch (und die Engel) bekommen haben, weil sie andernfalls eben nur eine Art „Roboter“ wären. Daher schrieb später Leibniz, dass Gott die „beste aller möglichen Welten“ erschuf. Das aber bedeutet, dass Gott keine Welt erschaffen konnte oder wollte, in der einerseits die Menschen den freien Willen hätten und in der es andererseits aber keinen „Sündenfall“ gegeben hätte. Dann wäre aber Gott nicht „allmächtig“ bzw. in letzter Konsequenz mindestens passiver Urheber des „Bösen“. Nun macht es m. M. nach aber wenig Sinn, sich an solchen Begriffen wie „Allmacht“ aufzureiben, denn die Schreiber der Bibel waren, ob nun „göttlich inspiriert“ oder nicht, keine Philosophen, haben also Begriffe verwendet ohne sie bis in die letzte, rein abstrakte Konsequenz zu durchdenken. Der heutige Mensch hat eine Macht, die ihn in der Antike wie Götter, eben „allmächtig“ erscheinen ließe.

Nicht nur meiner Meinung nach beschreibt die Erzählung in der Genesis die menschliche Ur-Erfahrung, die den Menschen erst zum Menschen macht. Tiere leben in einem permanenten „heute“, also einer scheinbar endlosen Folge von Augenblicken. Sie haben zwar emotionale Erinnerungen, weshalb sie Angst und Freude über erlebte (oder instinktiv verankerte) Dinge erfahren und auch ausdrücken können, aber kein Konzept von Zeit. Sie handeln nach ihren Instinkten und können keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung herstellen. Der Mensch hingegen hat ein Ich-Bewusstsein, dadurch das Bewusstsein seiner Sterblickeit und daraus resultiert das Konzept von „Zeit“ jenseits aller Zeitmessgeräte und physikalischen Wissens. Dadurch wiederum weiß der Mensch, dass Handlungen von „heute“ Auswirkungen auf „morgen“ haben. Um schlimme Folgen seiner Taten zu vermeiden, muss der Mensch seine Taten überdenken, also Alternativen er-denken. Und dann aus diesen Alternativen „nach besten Wissen“ die seinen Absichten entsprechend Beste auswählen. Er muss also Entscheidungen treffen und der Maßstab dieser Entscheidungen ist, ob diese „gut“ (nützen) oder „böse“ (schaden) sind – er muss also „zwischen gut und böse“ entscheiden.

Jeder Mensch macht aber auch die Erfahrung, dass Gutes wollen dennoch zu Bösen führen kann. Einfach deshalb, weil wir nicht alle Konsequenzen unserer Entscheidungen absehen können. Die Indianer Nordamerikas sagten deshalb, dass man bei Entscheidungen bedenken soll, welche Folgen das noch in „sieben Generationen“ (also ferner Zukunft) haben könnte. Aber man kann aus der Gegenwart natürlich nicht wissen, welche NEUEN, also heute noch „unvorstellbaren“,  Faktoren zukünftig ins Spiel kommen. Deswegen kann jede heute „gute“ Entscheidung sich zukünftig als „böse“ heraus stellen. Durch die Zeit kann aus „gut“ eben „böse“ werden. Für dieses Dilemma gibt es ein Wort: der Mensch ist „unvollkommen“.

Unsere Vorfahren, die „ersten“ Menschen, in denen der „Funke der Vernunft“ gerade erst erwacht war, hatten noch die vage Erinnerung an ein „Paradiese“: ein „ewiges Heute“ frei von Kummer und Sorgen, weil diese ohne das Konzept von Zeit schlichtweg nicht existieren: man kann zwar hungern aber nicht wissen, dass man „morgen“ hungern wird, wenn es das „morgen“ im eigenen „Bewusstsein“ gar nicht gibt, also kann man sich auch nicht „sorgen“. Und Leid ist lediglich die Emotion eines Verlustes, wenn etwas ein Mitglied des Rudels durch den Tod „weg“ ist, kann aber nicht „erinnert“ werden. (Dass etwa Hunde aus „Trauer“ über den Tod ihres Herrchens nicht mehr essen wollen, ist Folge einer engen Bindung, die in der Natur, wo Wölfe im Rudel leben und daher vielfältige Beziehungen bestehen, so gar nicht vorkommen kann).
„Irgendwann“ (im Moment der Mensch-Werdung) ist dieses „ewig Heute“ aber „verloren“ gegangen – man ist aus dem „Paradies“ gefallen oder „verstoßen“. Es ist kein Zufall, dass in allen Kulturen der Menschheit das „Paradies“ in ferner Vergangenheit, eben am ANFANG des Mensch-Seins war. Und das „Reich Gottes“, „Nirwana“, oder „Leben nach dem Tod“  usw. führt genau dahin wieder zurück: in einen Zustand der „Glückseeligkeit“, also frei von „Kummer und Sorgen“ – so wie Tiere, sofern frei von Feinden, Krankheit und Hunger, es in jedem Augenblick erleben: unverstellte Freude am Dasein. völlig frei von Sorgen über das „morgen“.
Mensch-Sein bedeutet permanent Entscheidungen treffen und mit deren Folgen klar kommen zu MÜSSEN. Also zwischen „gut und böse zu wählen“ und dabei immer wieder „Böses“ zu ernten, also „unvollkommen“ zu sein. „Gott“ ist das Konzept von etwas, das frei davon ist: nur „gut“ und frei von „Bösem“, also „Vollkommen“. Und genau das bringt die Genesis in einem wunderbaren Bild zum Ausdruck, welches selbst nur ein Echo viel älterer Sagen, wie dem sumerischen Gilgamesch-Epos, ist, welches wiederum auch nur die Erinnerung an noch ältere Sagen von vor der Erfindung der Schrift ist.

Die Evolution verläuft nicht nach „Zufall“ sondern nach Naturgesetzen, etwas was Darwin und die ersten Evolutionsbiologen noch nicht wissen konnten, die zudem in einem „Kulturkampf“ mit korrupten und wissenschaftsfeindlichen Kirchen standen. Dass sie das „Kind mit dem Bade “ ausschütteten, also mit der berechtigten und notwendigen Kirchenkritik auch gleich Religion oder den Glauben selbst negativ belegten, ist verständlich. Zudem ist dieses Bild selbst nur ein Zerrbild, eine vereinfachte Interpretation Derjenigen, die sich auf Darwin beriefen, um ihre eigenen Ziele zu verwirklichen. So hatte zum Beispiel auch Marx zur Religion ein weitaus komplexeres Verhältnis als nur „Opium fürs Volk“ (Auch Nietzsches „Gott ist tot“ ist unter Einbezug des textlichen Kontext kein Kampfruf sondern ein Trauerlied und Vorausahnung auf die schlimmen Folgen, die aus einer „Gott-losen“ Welt hervor gehen werden). Evolution ist keineswegs ein „Beweis“ für die Nicht-Existenz Gottes. Gott kann sich der Evolution als Werkzeug bedient haben und hat durch die Naturgesetze den Rahmen, in dem sie verlaufen kann, fest gelegt. Wissenschaft ist zwar per definitionem Gott-frei aber nicht zwangsläufig Gott-los.

Es liegt an jedem Menschen selbst, ob er jahrtausende alte Texte wortwörtlich auslegt und dann als „Kreationist“ oder „intelligent designer“ die Wissenschaft und Wirklichkeit verbiegt, nur um „seinen Glauben“ zu bewahren oder ob er das tut, was den Menschen als Mensch ausmacht: frei zu entscheiden, und dann z. B. seine Glaubens-Ideen mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Dann bleibt die Bibel (in Teilen) immer noch ein wundervolles Buch voll tiefster Weisheit, die man durchaus  „göttlich inspiriert“ nennen kann, ohne dass man sie gegen die Wissenschaft stellen muss. Sind nicht die größten Kunstwerke, in denen offenbar wird, welches ungeheure schöpferische Potential in der Menschheit steckt, nicht auch „göttlich inspiriert“, weswegen die Griechen dafür sogar eigene Göttinnen, die Musen, die den Künstlern die „Inspiration“ geben, hatten?
By | 2018-11-25T22:51:28+00:00 November 25th, 2018|Categories: Allgemein|Kommentare deaktiviert für Milton, das Paradies der Tiere und die Genesis

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