/(Kultur)Politik
(Kultur)Politik 2014-05-12T10:34:17+00:00

politik„Eine Stadt hat keine einheitliche Identität, sondern viele Identitäten, so wie sie sich aus ganz unterschiedlichen Menschen und Bevölkerungsgruppen zusammensetzt, die unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche haben. Erst in ihrer Summe machen sie zusammen mit der von Geschichte und Gegenwart geprägten Stadtgestalt die Unverwechselbarkeit der Stadt aus. Die Existenz der Stadt beruht auf Toleranz und Anerkennung des Andersartigen. Das Prinzip der Stadt von heute und morgen ist nicht die Unterordnung, Anpassung an eine herrschende Lebensform oder Ausgrenzung, sondern der Austausch und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen, auch widersprüchlichen Lebensweisen. Ohne diese Offenheit hätte die Stadt keine Zukunft. Der Pluralität von Stadtgesellschaft entspricht eine Vielfalt von kultureller Praxis und Angeboten, welche den unterschiedlichen Ansprüchen der Menschen in der Stadt gerecht wird. Die Anziehungskraft der Stadt hängt davon ab, ob sie vielen Individuen und Gruppen, jedem auf seine Weise, eine Beteiligung am kulturellen Leben bietet, ob auch Auswärtige neugierig darauf sind, deshalb die Stadt zu besuchen oder in der Stadt auf Dauer zu bleiben.“ (aus der „Magdeburger Erklärung“ des Deutschen Städtetages von 1995).

 

Dresden verfügt jenseits der kulturellen touristischen Leuchttürme über eine für eine Stadt dieser Größe ungewöhnlich vielfältige und große zeitgenössische Kulturszene im „E“ und „U“ Bereich. Die Stadt ist Heimat hunderter Bands der unterschiedlichsten Stilrichtungen, es gibt zahlreiche kleine Clubs und privat organisierte Kulturprojekte, eine umfangreiche Vereinslandschaft, jede Menge „nicht-kommerzieller“ Projekte – und einen mittlerweile nicht mehr übersehbaren Mangel an „Freiräumen“, „Off-Spaces“, bezahlbaren Arbeits- und Atelierräumen für Künstler, Kulturschaffende und „Kreativwirtschaftler“.
Die extreme Schieflage im Kulturetat der Stadt zwischen hoch subventionierter sog. etablierter „Hochkultur“ und „zeitgenössischer Kunst“ bzw. „freier Szene“  ist seit Jahren Thema – geändert hat sich kaum etwas. Die Umfrage des Kulturbüros Dresden „Low Budgets Profis?!“ 2010 erfasste die aktuelle Lage – wie die „freie Szene“ mit verschwindend geringen Mitteln und nur ganz wenigen festen Stellen Tausende kulturelle Veranstaltungen mit Hunderttausenden Besuchern generiert und nah am Puls der Zeit ist – während woanders Hunderttausende Euro für Personalquerelen, fragwürdige Werbekampagnen und Gehälter ebenso fragwürdiger Neueinstellungen verschwendet werden, um dann Kultur zu „produzieren“, die nicht immer ein Niveau hält, dass den finanziellen Mitteln gerecht wird und die sich zudem oft nur gut Betuchte leisten können.

Mit dem „Kraftwerk Mitte“ erhält die zeitgenössische Kultur in Dresden zwar ein neues Zentrum – aber genau genommen, entsteht hier nur ein weiterer kultureller Leuchtturm, der Touristen aus der nahen Altstadt anlocken kann und soll, während in der Fläche, in den einzelnen Stadtviertel, wenig passiert. Wenn das „Theater Junge Generation“ ins Kraftwerk Mitte zieht, heißt das auch, das den Anwohnern im Stadtteil Briesnitz ein Theater abhanden gekommen ist, wenn die „Tonne“ ebenfalls ins Kraftwerk Mitte zieht, bedeutet das, dass es in der Neustadt keinen Jazzclub mehr gibt. Was für die einzelnen Einrichtungen durchaus Sinn macht, summiert sich für die ganze Stadt auf: Konzentration von Kultur an wenigen Orten, was sich gut in Marketingkampagnen vermarkten lässt und hohe Kosten, die dann in der Fläche für stadtteilbezogene oder „freie“ Projekte fehlen. Aber DORT und nicht in den hoch subventionierten „Kulturtempeln“ erfüllt Kultur eine wichtige soziale Funktion: sie hält Gesellschaft zusammen, bietet gerade auch „Unangepassten“ Freiraum und Perspektiven…

Zumindest das Thema „Freiraum“ scheint – nicht zuletzt dank „ökonomischer“ Beweisführung für die Notwendigkeit solcher Räume für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Stadt durch den 2011 neu gegründeten „Branchenverband für Kultur- und Kreativwirtschaft“ und des ersten Berichtes zur Kultur und Kreativwirtschaft  in Dresden der Prognos AG – bei den Entscheidern aller Parteien angekommen zu sein. Ein erster Erfolg dieses veränderten Bewusstseins im Stadtrat ist, dass die „Alte Feuerwache“ in der Neustädter Katharinenstraße nicht wie üblich zum größtmöglichen Preise verkauft, sondern qua Erbpacht zur „kulturellen Nutzung“ ausgeschrieben werden soll.
Dieser „Bewusstseinsänderung“ ging eine längere, parteiübergreifende Lobbyarbeit von erfahrenen und professionell agierenden Akteuren aus der „freien Szene“ voraus – was zeigt, dass gut durchdachte Konzepte, die auch wirtschaftliche Fragestellungen beantworten, statt nur auf „öffentliche Mittel“ zu setzten, mit entsprechender Vernetzung in Politik, Presse und Kreativwirtschaft zum Erfolg führen können. Zu befürchten ist jedoch nach diesem Erfolg, dass die Stadt damit das Thema als „abgehakt“ ansieht und nun weiter wie bisher verfährt.

Zudem gibt es neben den professionellen und semi-professionellen Akteuren auch viele wirklich“freie“ und z.T. unstrukturierte Projekte, die aber dennoch ihre Berechtigung und auch NOTWENDIGKEIT im öffentlichen Raum haben (wie z.B. aus den Besucherzahlen der selbst organisierten Veranstaltungen abzulesen ist),  – nicht zuletzt auch als „Oase“ für Menschen, die der derzeit herrschenden gesellschaftlichen Verwertungslogik den Rücken kehren (wollen), um neue Lebensmodelle auszuprobieren.
Wenn z.B. der „Freiraum Elbtal“ sein Domizil verliert, dann verlieren nicht einfach nur ein paar „Unangepasste“ und „Träumer“ ihren Lebensort und der Stadtteil Pieschen kulturelle Angebote, sondern dann gehen auch bezahlbare Arbeitsflächen für die „Kreativwirtschaft“ verloren, Menschen verlieren ihren Lebensmittelpunkt und manche von diesen vielleicht sogar ihren Halt im Leben und Viele, die lange für den Erhalt des Freiraums gekämpft oder sich solidarisiert haben, sehen das Wort von der „marktkonformen Demokratie“ (die keine Demokratie ist) bestätigt – die Gesellschaft verliert wiederum einen Teil des Zusammenhaltes und der für die Erneuerung und Lebensfähigkeit jeder Kommune, jeder Stadt, jeder Gesellschaft wichtigen positiven Tatkraft einzelner Aktiver.