/(Kultur)Politik
(Kultur)Politik 2019-11-28T12:50:50+00:00

politik„Eine Stadt hat keine einheitliche Identität, sondern viele Identitäten, so wie sie sich aus ganz unterschiedlichen Menschen und Bevölkerungsgruppen zusammensetzt, die unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche haben. Erst in ihrer Summe machen sie zusammen mit der von Geschichte und Gegenwart geprägten Stadtgestalt die Unverwechselbarkeit der Stadt aus. Die Existenz der Stadt beruht auf Toleranz und Anerkennung des Andersartigen. Das Prinzip der Stadt von heute und morgen ist nicht die Unterordnung, Anpassung an eine herrschende Lebensform oder Ausgrenzung, sondern der Austausch und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen, auch widersprüchlichen Lebensweisen. Ohne diese Offenheit hätte die Stadt keine Zukunft. Der Pluralität von Stadtgesellschaft entspricht eine Vielfalt von kultureller Praxis und Angeboten, welche den unterschiedlichen Ansprüchen der Menschen in der Stadt gerecht wird. Die Anziehungskraft der Stadt hängt davon ab, ob sie vielen Individuen und Gruppen, jedem auf seine Weise, eine Beteiligung am kulturellen Leben bietet, ob auch Auswärtige neugierig darauf sind, deshalb die Stadt zu besuchen oder in der Stadt auf Dauer zu bleiben.“ (aus der „Magdeburger Erklärung“ des Deutschen Städtetages von 1995).

 

Dresden verfügt jenseits der kulturellen touristischen Leuchttürme über eine für eine Stadt dieser Größe ungewöhnlich vielfältige und große zeitgenössische Kulturszene im „E“ und „U“ Bereich. Die Stadt ist Heimat hunderter Bands der unterschiedlichsten Stilrichtungen, es gibt zahlreiche kleine Clubs und privat organisierte Kulturprojekte, eine umfangreiche Vereinslandschaft, jede Menge „nicht-kommerzieller“ Projekte – und einen mittlerweile nicht mehr übersehbaren Mangel an „Freiräumen“, „Off-Spaces“, bezahlbaren Arbeits- und Atelierräumen für Künstler, Kulturschaffende und „Kreativwirtschaftler“.

Die extreme Schieflage im Kulturetat der Stadt zwischen hoch subventionierter sog. etablierter „Hochkultur“ und „zeitgenössischer Kunst“ bzw. „freier Szene“  ist seit Jahren Thema. Die Umfrage des Kulturbüros Dresden „Low Budgets Profis?!“ 2010 erfasste die aktuelle Lage – wie die „freie Szene“ mit verschwindend geringen Mitteln und nur ganz wenigen festen Stellen Tausende kulturelle Veranstaltungen mit Hunderttausenden Besuchern generiert und nah am Puls der Zeit ist – während woanders Hunderttausende Euro für Personalquerelen, fragwürdige Werbekampagnen und Gehälter ebenso fragwürdiger Neueinstellungen verschwendet werden, um dann Kultur zu „produzieren“, die nicht immer ein Niveau hält, dass den finanziellen Mitteln gerecht wird und die sich zudem oft nur gut Betuchte leisten können.

Zumindest das Thema „Freiraum“ scheint – nicht zuletzt dank „ökonomischer“ Beweisführung für die Notwendigkeit solcher Räume für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Stadt durch den 2011 neu gegründeten „Branchenverband für Kultur- und Kreativwirtschaft“ und des ersten Berichtes zur Kultur und Kreativwirtschaft  in Dresden der Prognos AG – bei den Entscheidern aller Parteien angekommen zu sein und hat in den letzten Jahren unter Rot-Rot-Grün zu Verbesserungen, insgebesondere bei der Fördermittelvergabe geführt.
Dieser „Bewusstseinsänderung“ ging eine längere, parteiübergreifende Lobbyarbeit von erfahrenen und professionell agierenden Akteuren aus der „freien Szene“ voraus – was zeigt, dass gut durchdachte Konzepte, die auch wirtschaftliche Fragestellungen beantworten, statt nur auf „öffentliche Mittel“ zu setzten, mit entsprechender Vernetzung in Politik, Presse und Kreativwirtschaft zum Erfolg führen können.

Zudem gibt es neben den professionellen und semi-professionellen Akteuren auch viele wirklich“freie“ und z.T. unstrukturierte Projekte, die aber dennoch ihre Berechtigung und auch NOTWENDIGKEIT im öffentlichen Raum haben (wie z.B. aus den Besucherzahlen der selbst organisierten Veranstaltungen abzulesen ist),  – nicht zuletzt auch als „Oase“ für Menschen, die der derzeit herrschenden gesellschaftlichen Verwertungslogik den Rücken kehren (wollen), um neue Lebensmodelle auszuprobieren.