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Historiker 2014-05-18T21:03:11+00:00

„Alles, was wir von der Vergangenheit aussagen, sagen wir von uns selbst aus. Wir können nie von etwas anderem reden, etwas anderes erkennen, als uns selbst. Aber in dem wir uns in die Vergangenheit versenken, entdecken wir neue Möglichkeiten unseres Ichs, erweitern wir die Grenzen unseres Selbstbewusstseins, machen wir neue, obschon gänzlich subjektive Erlebnisse. Dies ist der Wert und Zweck allen Geschichtsstudiums“ (Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Bd. 1, München 1927, S. 17)

„Ein Gesellschaftskörper, können wir sagen, steht im Laufe seines Lebens einer Folge von Fragen gegenüber, die jedes Glied, so es vermag, zu lösen hat.Das Auftreten jeder Frage ist eine Herausforderung, sich einer Probe zu unterziehen, und durch diese Reihe von Proben differenzieren sich die Glieder der Gesellschaftskörper fortschreitend voneinander. Ganz und gar unmöglich ist es, die Bedeutung des Verhaltens von einem einzelnen Glied und einer einzelnen Probe zu erfassen, ohne von dem ähnlichen oder unähnlichen Verhalten von seinen Genossen Kenntnis zu nehmen und ohne die aufeinanderfolgenden Proben als eine Reihe von Ereignissen im Leben des ganzen Gesellschaftskörpers im Blick zu haben“ (Arnold J. Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte, Zürich 1949 und 1958, S. 3f. der Somervell-Augabe).

Daten
1996-2005 u.a. Studium der Geschichte und Neueren Geschichte, Teilnahme an Veranstaltungen und Seminaren in „Alter Geschichte“ und Ur-und Frühgeschichte – 2002-05 studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte bei Prof. Dr. Christian Lübke – 2005 M.A. in Geschichte, Musikwissenschaft und Neuerer und Neuester Geschichte. Magisterarbeit zum Thema „Das Koran- und Türkenbild im Alten Reich im 15. und 16. Jahrhundert“ – 2005/06 wissenschaftliche Mitarbeit am „Kulturhistorischen Museum Stralsund“ – 2007 Praktikum am „Militärhistorischen Museum Dresden“ – 2011 Werkvertrag beim Landesamt für Archäologie Sachsen, Mitarbeit an der „Preusker-Ausstellung“ – 2012 Werkvertrag beim „Museum Alte Lateinschule“ Großenhain, Mitarbeit an der „Eisenbahn“-Ausstellung

Publikationen

Der Albigenserkreuzzug, 2007 (ISBN 978-3-638-65245-2) – Der preußische Adel und das Weimarer System, 2007 (ISBN 978-3-638-79710-5) – Zeitlicher Hintergrund und geistige Vorläufer René Descartes (ISBN 978-3-638-79710-8) – Preusker und die Freimaurer, in: Karl Benjamin Preusker – Archäologe, Freimarer, Netzwerker. Hrsg. Von Regina Schmolnik und Jens Schulze-Forster,Beucha, 2011.

Seminararbeiten

Die Rezeption der großen geographischen Entdeckungen in der deutschen humanistischen Tradition des frühen 16. Jahhunderts anhand des „Klassikerstreites“ zwischen Vadianus und Johannes Camers – Historische und theologische Grundlagen des Kalifates – Der preußische Adel und das „Weimarer System“ – Zum Wesen der Utopie und utopischen Elementen in Geheimbünden – Der Albigenserkreuzzug – Autoritäres Denken in militärischer und politischer Führung unter Einbezug des gesellschaftlichen Hintergrundes in der Weimer Republik – Bartolomeo de Las Casas – Repräsentation des Bürgertums in der Musik – Die Entfremdung zwischen westlicher und östlicher Reichskirche: Aufbau und theologische Entwicklung der Ostkirche bis zum Schisma von 1054 – Osmanische Reformpolitik im 19 Jahrhundert

 

Mein Weg zur Geschichte

Schon vor meinem umfangreichem Geschichtsstudium 1996-2005 interessierte ich mich für Geschichte.  Seit der 2. Klasse wollte ich Archäologe werden, wovon mir in der 12. Klasse eine echte klassische Archäologin mit dem Hinweis, es gäbe in Deutschland einfach zu wenige Fundorte aus der Antike und im Mittelmeerraum genügend hervorragende  Archäologen, abriet. Also studierte ich Geschichte – und mied lange Zeit das „Mittelalter“, zu sehr war ich auf die antiken Hochkulturen ausgerichtet und wollte mich nicht mit den „Barbaren“ des 6.-13. Jahrhunderts abgeben. Dennoch studierte ich auch ein Semester Ur- und Frühgeschichte, um zumindest grob die „kleine“ Lücke zwischen Anthropogenese (Menschwerdung)  ab etwa 5 Mio Jahren v.u.Z. und den ersten Kulturen des Neolithikum (Jungsteinzeit) ab etwa 9500 v.u.Z. zu schließen.

Während meines Studiums stürzte ich mich neben den obligatorischen Pflichtveranstaltungen zu den einzelnen Epochen  v.a. auf „exotische“ Themen – wie z.B. Kartographie und die Entstehung des modernen Weltbildes im 15/16. Jahrhundert, die Geschichte des Osmanischen Reiches, den Krimkrieg, europäische Kolonialgeschichte und besuchte mehrere Seminare in der „Alten Geschichte“, etwa zur „Attischen Demokratie“ oder  zum „Prinzipat des Augustus“ (und lernte nirgendwo so viel über Quellenkritik und Quelleninterpretation wie bei Prof. Egon Flaig, der mit seinem umfangreichen, weit über sein Fachgebiet hinaus greifendem Wissen eine stete Quelle der Inspiration war).

Erst nach mehreren Semestern entdeckte ich eher zufällig das Mittelalter für mich – über die private Beschäftigung mit der Spätantike (u.a. „Gnosis“ & „Hermetik„) kam ich an Frank Thiess populärwissenschaftliches Werk „Die griechischen Kaiser – Die Geburt Europas“ (ein auch heute noch äußerst lesenswertes Buch über das Frühbyzantinische Reich vom Tode Justinians 565 bis zur Stabilisierung und neuer Blüte Anfang des 9. Jh.) und damit eröffnete sich mir die Welt des Frühmittelalters (6.-9.Jh.) in seiner faszinierenden Vielseitigkeit:  byzantinische „Rhomäer“, in denen das alte Rom (mitsamt heidnischen Untergrundsekten) lebendig war und die ums Überleben mit dem sassanidischen Perserreich, in dem gleichsam das Perserreich der klassischen Antike wiederauferstanden war (mitsamt der von Zoroaster/ Zarathustra gegründeten Staatsreligion), kämpften, parallel dazu die frühchristlichen abendländischen Reiche der Franken, Goten und Briten (König Artus ließ grüßen), den judaischen Chazaren an der unteren Wolga, barbarischen Horden aus den Steppen Asiens (gleichsam Vorläufer des späteren „Mongolensturms“), im Süden die Araber, die sich anschickten das Antlitz der bekannten Welt für immer zu verändern und im Norden machten sich die „Wikinger“ auf den Weg Mitteleuropa in Angst und Schrecken zu versetzen. Eine kaum übersehbare Vielzahl von parallelen Kulturen und Religionen auf unterschiedlichem Entwicklungsstand.

Natürlich beschäftigte ich mich auch mit ganz „klassischen“ Themen, wie etwa der fränkischen Geschichte, dem Stauferreich, den Kreuzzügen, Napoleon und dann natürlich das „lange 19. Jahrhundert“ bis hin zu Weimarer Republik und dem NS-Staat. Neben der Fachliteratur lass ich weitere Bücher über Zeitgeschichte und immer wieder auch Literatur aus und über die Epoche (so vermitteln z.B. die Romane Remarques ein viel lebendigeres Bild der Zeit zwischen 1914 und 1945 als die meiste Fachliteratur).

In meiner Magisterarbeit zum „Koran- und Türkenbild im Alten Reich im 15. und 16. Jh.“ flossen dann viele der früheren „exotischen“ Fäden zu einem „roten Faden“ zusammen: ausgehend von eschatologischen Vorstellungen aus Alten und Neuem Testament, verstärkt in den Wirren des Untergang des weströmischen Reichen, geschärft an der Auseinandersetzung mit den „Sarazenen“, zur ersten Panik erwachsen während des Mongolensturmes 1241 und zu voller Blüte dann während der Reformationszeit erblüht, entfaltete ich die Geschichte eines alten, sich immer wieder neu erfindenden Feindbildes: des (berittenen) Fremden, der die „Kirchen mit dem Blute der erschlagenen Neugeborenen zu schänden sucht“ und das christliche Abendland zu vernichten trachtet, welches auch heute wieder in der Angst vor DEM Islam Blüten treibt.

Nach Ende meines Studiums arbeitete ich im Kulturhistorischen Museum in Stralsund an der Erfassung der „Pommerschen Sammlung“ – einer ursprünglich im Pommerschen Museum in Stettin gelagerten Sammlung der prächtigsten ur- und frühgeschichtlichen Funde aus ganz Pommern, der von den Nazis gegen Kriegsende dann nach Stralsund in Sicherheit gebracht wurde, wo sie im Depot vor sich hin wartete. Nachdem der von mir erstellte Sammlungskatalog fertig war, wurde die Sammlung dann im Austausch gegen andere Funde nach Stettin verbracht, wo sie vermutlich ebenfalls im Depot vor sich hin wartet.

2007 absolvierte ich am „Militärhistorischen Museum Dresden“ ein Praktikum, arbeitete u.a. an einer Medienstation zum 2. Weltkrieg mit. Dort lernte ich so interessante Dinge, wie z.B. dass fast der gesamte alliierte Rindfleischbedarf aus Uruguay gedeckt wurde, dass sich das Deutsche Reich nicht nur im Krieg mit den „Alliierten“ sondern mit insgesamt 153 (sic!) Staaten befand, von denen die meisten allerdings niemals aktiv am Krieg beteiligt waren, und erfuhr vieles über militärisch-taktische Fragen – einem Bereich, der den meisten Historikern verschlossen bleibt, dessen Berücksichtigung aber Antwort auf manche „Wieso?“-Fragen liefert. (Ein Beispiel: wieso das Deutsche Reich 1914 in bedingungsloser Treue zu Österreich-Ungarn hielt und Russland den Krieg erklärte, obwohl beide Staaten vorher freundschaftliche Beziehungen pflegten und die Kaiserfamilien miteinander verwandt waren, KÖNNTE z.B. daran liegen, dass das deutsche Oberkommando der Meinung war, 15-20 Jahre später Russland aufgrund dessen zunehmender Industrialisierung nicht mehr stand halten zu können. Demnach wäre das Agieren gegen Russland als eine Art „Präventivkrieg“ anzusehen, um Russlands weiteren Aufstieg zu verhindern. TATSÄCHLICH war die Sowjetunion 20 Jahre später durch fortgeschrittene Industrialisierung so stark geworden, dass sie trotz unglaublich hoher Verluste dem Ansturm der gesammelten Militärmacht des NS-Staates stand hielt).

Nach längerer Pause arbeitete ich dann von April bis September 2011 an der „Preusker-Ausstellung“ des Landesamtes für Archäologie Sachsen mit, die dann im Japanischen Museum zu sehen war. Im Rahmen der Recherchen zu Karl Benjamin Preuskers Leben lernte ich viel über das Napoleonische Zeitalter, die Industrialisierung in Sachsen und bürgerliche Reformbewegungen, um das mit der Industrialisierung verbundene soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft abzufedern (wie z.B. „Volksbildung“, „Sonntagsschulen“, „Kinderbewahranstalten“, Gewerbevereinigungen u.a.m.). Preusker betrieb eine umfangreiche Kommunikation über ganz Deutschland und war – wie die „Besten“ seiner Zeit – ein Freimaurer. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit war daher, Quellen zu seine Freimauererei zu finden – und dank des Fundus der Dresdner Loge „Zum Goldenen Apfel“ und der Mitarbeiter des Logenbruders Karl Dieter Holz fanden sich sowohl schriftliche, als auch anfassbare Zeugnisse dafür, welche von mir im Begleitband zur Ausstellung beschrieben wurden.

2012 arbeitete ich an der Ausstellung „Als die Eisenbahn nach Großenhain kam – 150 Jahre Cottbusser Bahnhof“  im „Museum Alte Lateinschule Großenhain“ mit und lernte viel über Eisenbahnen und Verkehrsentwicklung im 19. Jahrhundert.