//Antisemitismus vs. „struktureller Antisemitismus“ durch „Bankenkritik“

Antisemitismus vs. „struktureller Antisemitismus“ durch „Bankenkritik“

Nach H.Arendt (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) gab es bis etwa 1850 zwei Formen des Antisemitismus: erstens den religiös begründeten, aus dem Mittelalter stammenden 1 und zweitens einen aus dem Barock stammenden aristokratischen 2. Der religiös begründete Judenhass nahm ab etwa 1750 im Zuge der Aufklärung und beginnender „Judenemanzipation“ ab.3 Der aristokratische Judenhass war auf die kleine Schicht des Adels beschränkt, dessen Ansichten für die „öffentliche Meinung“ immer weniger relevant wurde.

Der moderne Antisemitismus ist ein gesamteuropäisches Phänomen, dass etwa zeitgleich in allen großen europäischen Staaten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auftauchte. Ursache waren Börsenkrachs in den 1870-er Jahren (im Deutschen Reich der sog. „Gründer Krach“ von 1873), bei denen in Folge von Spekulation an den Börsen große Vermögenswerte verloren gingen. Dies betraf nicht nur Adelige, Unternehmer und Großbürger, die zwar Vermögen „verzockten“ aber deswegen noch nicht sozial abstiegen, sondern ERSTMALS auch viele Kleinbürger. Diese waren die Nachfahren der jahrhundertelang durch Sonderprivilegien geschützten und sich daher großer sozialer Stabilität und Sicherheit erfreuenden Kaufmanns- und Handwerksinnungen 4, die aber im 19. Jahrhundert massiv unter angelsächsische Konkurrenz des sog. „Manchester-Kapitalismus“ zu leiden hatten.5
Die von Marx in die Welt gesetzten Theorien zum Wesen des Kapitalismus zirkulierten nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern waren auch im Kleinbürgertum populär. Das sah sich deshalb vor die Wahl gestellt, entweder nichts zu tun und zukünftig von den „Großen“ verschluckt zu werden, also alles zu verlieren und in die Klasse der Besitzlosen abzusteigen oder aber alles zu riskieren und durch Geldanlagen Gewinne zu erzielen und damit Besitz zu sichern, ja sogar vergrößern können. „Fressen oder gefressen werden“ war das Bild des Kapitalismus dieser Zeit. Der Kapitalismus selbst wurde zudem als etwas „Fremdes“ angesehen, dass von außen (v. a. England, zunehmend auch den USA) einbrach und die jahrhundertelange Stabilität und Kontinuität der Zünfte, Gilden und Stände erschütterte. Da aber mit England (und Frankreich) auch der „Liberalismus“ verbunden wurde, konnte ein Gegensatz zwischen traditioneller mitteleuropäischer „deutscher“ Herrschafts- und Wirtschaftstradition und den „modernen westlichen“ Prinzipien konstruiert werden.6 Wer aber stand an der Seite der „westlichen“ Regierungen? Juden, denn auch dort gab es die Tradition der „Hofjuden“ als Bankiers der Regierungen. Scheinbar standen bei fast jeder Regierung ein paar Juden in der Nähe.7
Dennoch gab es noch keine allgemein wirkmächtigen Verschwörungstheorien, nach denen Juden im Geheimen die Geschicke der Welt lenken würden, als „geheime Macht“ hinter den Regierungen stünden. Die Arbeiterschaft war durch marxistische Ideen gegen jede Form von „Sündenbocksuche“ außerhalb des Feldes „ausbeutender Unternehmer- ausgebeuteter Arbeiter“ immunisiert (denn Juden traten als Unternehmer kaum in Erscheinung), was der Adel dachte war zunehmend irrelevant, das Bildungsbürgertum vertrat die „Judenemanzipation“ und Kirche und fromme Gläubige hatten eben nur mit der jüdischen Religion, nicht dem Juden an sich oder seinem Reichtum, ein Problem.

Als nun aber erstmals große Teile des Kleinbürgertums ihre Vermögen an der Börse zur Spekulation anlegten und durch Verlust sozial abstiegen, änderte sich die Sitiuation grundlegend.
Die Spekulationen selbst waren überhaupt nicht das Werk jüdischer Bankiers oder gar der Juden an sich – Juden investieren bis Ende des 19. Jh. kaum in private wirtschaftliche Aktivitäten sondern beschränkten sich weiterhin auf die Rolle den Regierungen große Geldmittel zu beschaffen. Aber natürlich waren von außen gesehen die vielen existierenden jüdischen Banken an der Abwicklung dieser Transaktionen beteiligt.8
Zudem waren in diese Spekulationen auch große Teile der politischen Eliten bis hin zur Parlamentariern und Regierungsmitgliedern verwickelt. Ja, deren „Engagement“ ermöglichte es überhaupt erst, dass die Spekulation bis dahin unbekannte Züge annahm, weil die Anleger glaubten, diese den Staat repräsentierende Personen wären der Garant, dass der „Staat“ die Anlagen schützen würde. Das tat er aber (im Gegenteil zu heute) nicht sondern ließ die Anleger pleite gehen, wodurch große Teile des Kleinbürgertums sozial abstiegen. Dies in vielen europäischen Staaten.

Gerade für das abgestiegene oder von Abstieg bedrohte Kleinbürgertum ergab sich aus verschiedenen Mosaikteilchen zusammensetzbares, in sich scheinbar logischen Bild, das in allen europäischen Staaten populär wurde:

  • an der Seite der eigenen aber auch fremden, potentiell feindlichen Regierungen (natürlich, in ihrer historischen Rolle als Kreditgeber) standen JUDEN
  • in den Banken, die die Spekulationstransaktionen abwickelten standen JUDEN  (natürlich, dafür sind Banken ja auch da und Juden waren aufgrund historischer Gründe, die sie selbst gar nicht verantworten konnten, im Finanzwesen schon „immer“ überproportional stark vertreten, aber zu dieser Zeit schon lange nicht mehr die im Finanzwesen dominierende Kraft, wie noch im 18. Jh.)
  • teilweise in der Politik, insbesondere in England (Disraeli als Premier) und Frankreich (ja, weil dort die Judenemanzipation schon viel weiter fortgeschritten war) waren JUDEN
  • JUDEN waren schon „immer“ und „überall“ als „verstocktes Volk“, dass sich dem Christentum verweigerte und damit die Wiederkunft Christi, als das „Königreich Gottes“ verhinderte, vertreten
  • Waren vielleicht die Überlieferungen der Altvorderen über den ungeheuren Reichtum mancher Juden (wie etwa des Jud Süß, der in Württemberg im 18. Jh. zeitweise die Regierung lenkte) vielleicht war? Waren vielleicht dann auch andere alte Vorurteile wahr?

Das Fundament, dass sich der mittelalterliche Judenhass zu etwas Neuem, dem modernen Antisemitismus entwickeln konnte, war gelegt.
In den folgenden Jahren boomende Verschwörungstheorien und Esoterik aller Art, mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ absichtlich geschaffenen Lügen 9, der falsch verstandenen Evolutionslehre von Darwin (zu „Sozialdarwinismus“ im Sinne „Überleben des Stärkeren“10 verballhornt), dem Revival schon älterer „Rassenlehren“11, nach denen einige Rassen „höher“ oder „besser“ als andere und daher zur Herrschaft über die anderen „niederen“ Rassen bestimmt 12 schufen dann ein allgemeines geistiges Klima, das einerseits „völkische Ideen“ stark beeinflusste und diesen wiederum zur Beeinflussung immer größere Teile der Bevölkerung diente. Die Nationalsozialisten konnten darauf dann „erfolgreich“ aufbauen und den Antisemitismus zur Massenbewegung, ohne die sie politisch nie so stark geworden wären, ausbauen.

Wir stellen im historischen Rückblick mit Hannah Arendt fest:

  1. Die zunehmende soziale Ungleichheit, der Absturz ganzer Bevölkerungsschichten in die Besitzlosigkeit ist ein historischer Fakt, dessen Hauptursache das Aufkommen neuartiger „kapitalistischer“ Produktionsverhältnisse war. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch das Aufkommen von Börsenspekulationen in bisher unbekannter Größenordnung, die wiederum ohne das Aufkommen neuartiger „kapitalistischer Faktoren“ so nicht möglich gewesen wäre.
  2. Die Juden im Allgemeinen oder der „Jude an sich“ hatte damit wenig bis nichts zu tun. Die wenigen „reichen“ Juden, also Bankiers, waren am Aufkommen und allmählicher Durchdringung der Gesellschaft durch die kapitalistischen Produktionsbedingungen so gut wie nicht beteiligt, ja, verweigerten sich sogar bis Anfang des 20.Jh. jedwedem „Unternehmertum“, kaufte keine Fabriken, produzierten nichts und beschränkte sich auf ihre traditionelle Rolle als „Finanziers“ der Monarchen und Regierungen
  3. Die den Juden zugeschriebene Rolle als „geheime“ womöglich sogar „lenkende“ Macht in den Staaten ist ein Konstrukt, das einer näheren Prüfung nicht stand hält aber dennoch aus Sicht der Zeitgenossen teilweise sehr überzeugend wirkte – weil Juden aufgrund ihrer historisch gewachsenen Sonderstellung als „separierter Gesellschaftskörper“ innerhalb der zunehmend homogenisierten Gesellschaften immer mehr als „Fremdkörper“ wahrgenommen wurden  und angesichts ihrer historisch bedingten überproportionalen Beteiligung im Finanzwesen SCHEINBAR an wichtigen Schalthebeln der finanziellen und darüber politischen Macht standen.
  4. Marx hat sich nur in seiner Jugendschrift „Zur Judenfrage“ geäußert, dabei aber keineswegs „antisemitisch“ argumentiert, sondern lediglich zu dieser Zeit bereits kursierende Argumente aus radikalen Kreisen systematisiert. Das er das konnte war „nur ein Zeichen, wie wenig sie mit dem Antisemitismus späterer Zeit zu tun hatten. Marx fühlte sich natürlich durch seine Argumente gegen das Judentum so wenig als Person […] betroffen wie etwa der Deutsche Nietzsche durch seine Polemik gegen die Deutschen“. Für Marx war der Staat nur eine Maskierung der wirklichen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft, weswegen er sich für Fragen, die die konkrete Staatsstruktur betrafen nicht interessierte. In den ihn interessierenden Fragestellungen zur kapitalistischen Produktion kamen Juden überhaupt nicht vor – einfach deshalb, weil sie, wie oben ausgeführt, sich an dieser weder als Besitzer von Produktionsmitteln noch als wichtige Finanziers kapitalistischer Unternehmungen beteiligten.13

Was kann man daraus für die Gegenwart entnehmen? Erst einmal folgende Fragen:

  1. War die von Marx ausgehende Analyse der damals rasant zunehmenden sozialen Ungleichheit falsch, war seine aus dieser Analyse hervorgehende grundsätzliche Kritik am (staatlich ungezügelten!) Kapitalismus falsch und hätte er voraussehen müssen, dass den Juden die Rolle des „Sündenbocks“ für kapitalistische Auswüchse zugeschoben würde?
  2. Durften die Nachfolger von Marx den Kapitalismus nicht kritisieren, nur weil mittlerweile populär gewordene Verschwörungstheorien die Juden als die „wahren Besitzer der Wall Street“ und über ihre angebliche Kontrolle des Finanzsystems als die „geheimen Weltenlenker“ inszenierten?

Sicherlich nicht. Die Bedeutung der sozialen Frage insbesondere auch in Verbindung mit dem aufkommenden Antikolonialismus ab den 20er Jahren des 19. Jh. war nicht abhängig davon, welche Funktion Juden innerhalb des Herrschaftsapparates der Kolonialmächte hatten. Hingegen war die Rolle der gegen den Willen der Kolonialvölker aufgezwungenen kapitalistischen Produktionsbedingungen, insbesondere die Eingliederung ganzer Länder in den Weltmarkt mit der Folge des Niedergangs der einheimischen Wirtschaften durchaus von Interesse. Es ist kein Zufall, dass sich die meisten von der Kolonialherrschaft befreiten Länder Afrikas und Asiens nicht dem kapitalistischen sondern „sozialistischen“ Weg anschlossen 14, weil der „Sozialismus“ in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens – als überall Fabriken, Kraftwerke, Straßen usw. nach damals modernen Standard gebaut wurden – durchaus erfolgreich schien und zeitweise auch war.15

Da sich seitdem die Rolle der Juden in der Weltwirtschaft nicht wesentlich verändert hat, sie mitnichten die geheime Macht hinter den Banken und kapitalistischem Finanzsystem sind und auch trotz Aufkommens einiger durchaus gobal erfolgreicher israelischer Konzerte nach wie vor auch nicht die Besitzer vieler oder gar der meisten „Großkonzerne“ sind, ist ihre Funktion/Rolle innerhalb des heute global dominierenden sog. „neoliberalen Kapitalismus“ weitgehend irrelevant.

Wenn aber ihre Rolle weitgehend irrelevant ist, wie kann dann Kritik am Finanzsystem, zumal eines Finanzsystems dessen Strukturen überwiegend von Nicht-Juden konzipiert wurden, als „struktureller Antisemitismus“ bezeichnet werden? Antisemitismus kann nur dann postuliert werden, wenn die Kritiker des Finanzsystems auch behaupten, dass „DIE Banken DEN Juden gehören“. Das mag in Verschwörungstheorien, die sich in neofaschistischen und manchen „esoterischen“ Kreisen größerer Beliebtheit erfreuen, der Fall sein, aber sicher nicht bei den meisten Protesten und Demonstrationen, die die soziale Ungleichheit als Folge eines zunehmend entfesselten globalisierten Kapitalismus thematisieren.

Diejenigen, die Kritik am Bankensystem pauschal als „strukturellen Antisemitismus“ verunglimpfen, zeigen, dass sie selbst in den von Antisemiten bis hin zu den Nationalsozialisten konstruierten Gedankensystemen gefangen sind. Sie füttern zudem diese antisemitischen Verschwörungstheorien mit weiteren Argumenten – denn wenn die Juden das Finanzsystem wirklich kontrollieren würden, dann würden sie Kritik daran natürlich unterbinden und wenn schon „linke Banken-Kritiker“ als „Antisemiten“ (also Rassisten und damit ja irgendwie „Nazis“) hingestellte werden, beweist das ja die Macht der „jüdischen Weltverschwörung“. So jedenfalls die Argumentationskette echter Antisemiten.  Zudem beschädigen sie den „linken“ Kampf um Überwindung der durch die kapitalistischen Produktionsprozesse immer wieder neu entstehenden sozialen Spannungen. Tatsächlich sind sie sogar faktische Verbündete des „Neoliberalismus“, der sich nur über die erfolgreiche Anwendung von „teile und herrsche“ im ihm eigentlich feindlich gegenüber stehenden „linken“ Lager freuen kann. Vor allem aber outen sie sich als in einfachen Kausalitäten Denkende. Wer aber in schwarz/weiß Weltbildern denkt, denkt immer auch in „gut-böse“ Kategorien. Dies wiederum führt aber immer zu autoritären Strukturen. Denn das „Gute“ muss ja gegen das „Böse“ geschützt werden und im Zweifelsfall sind hier alle Mittel Recht. Das ist die Falle, in die insbesondere „Linke“ mit schöner Regelmäßigkeit tappen, sozusagen als Prinzip, dass stets das Gute will und dennoch erst das Böse schafft.

Hier sind Konservative klar im Vorteil, denn für sie geht es „nur“ darum, Dinge, die sich bewährt haben, zu erhalten und nicht vorschnell durch „Neues“, dessen Eignung zur Problemlösung in der Praxis erst noch bewiesen werden muss, zu ersetzen. Das „Bewährte“ muss keineswegs das „Gute“ und das „Neue“ auch nicht das „Böse“ sein. Hier geht es nicht darum, in einem universalem Kampf einer Seite zum Sieg zu verhelfen, sondern nur darum, den „Laden am laufen“ zu halten, weil es immer noch viel schlimmer kommen kann. Demokratie ist eben nur die schlechteste aller Herrschaftsformen, mit Ausnahme aller Anderen. Konservative hingegen tappen wiederum regelmäßig in die Falle, dass sie nicht sehen, wann der status quo ein größeres Übel darstellt als die Einführung von etwas Neuem. Dies nicht zuletzt deshalb, weil schwer ist zu unterscheiden ist, ob man den status quo wirklich für den Besseren Zustand für ALLE hält oder nicht einfach nur den für einen selbst besseren Zustand.

Juden als verstocktes Volk, das sich weigert Jesu Botschaft anzunehmen, der doch selbst Jude war. Die Bekehrung der Juden war aber als Zeichen der Wiederkehr Christi prophezeit. Indem die Juden die Bekehrung verweigersten, verzögerten sie das Jüngste Gericht, verlängerten also das irdische Jammertal)

2 Weil jüdische Hofbankiers den Monarchen den notwendigen Kredit für deren Großprojekte verschaffen, dadurch überhaupt erst das Aufkommen zentralstaatlicher Gewalt und Einschränkung der Macht und Privilegien des Adels ermöglichten.

3 Die „Judenemanzipation“ war keine von den Juden selbst ausgehende Bewegung um Gleichstellung, sondern Folge der Aufrichtung des Nationalstaates ab 1789: die vorher herrschenden Klassenunterschiede samt Sonderprivilegien in einem komplexen Geflecht vielfältiger Beziehungen zwischen den einzelnen Klassen wurde abgelöst durch die Idee, dass es in einer Nation nur noch Bürger mit gleichen Rechten geben könne und jedwede Sonderprivilegien abgeschafft werden müssen. Die Juden selbst waren lange gegen die Emanzipation, da sie dadurch ihre Sonderstellung in der Gesellschaft verloren hätten. Im Laufe vieler Jahrhunderte hatten sie die Erfahrung gemacht, dass Verfolgung und Progrome meist spontan durch den „Mob“ kamen – die klassische Sündenbockfunktion für Hungersnöte, Krankheiten und anderes Unheil, dass sich die einfachen Menschen nicht anders als durch das Einwirken Satans, als dessen „Verbündete“ die Juden galten, erklären konnten, sofern nicht zufällig „Hexen und Hexer“ als noch offensichtlichere Schuldige greifbar waren, angesehen wurden. Schutz vor solchen Progromen bot nur die Obrigkeit, weswegen die Juden ein besonderes Verhältnis zu den Regierungen, sprich Landesfürsten, entwickelten. Da das europäische Judentum länderübergreifend vernetzt war, konnten einzelne Juden den Landesfürsten recht schnell großen Kredit verschaffen (die Gelder kamen aus vielen kleinen Einzelsummen vieler jüdischer Gemeinden zusammen), im Gegenzug beschützte der Landesfürst dafür „seine“ Juden in seinem Herrschaftsgebiet. Daraus entwickelte sich ein regelrechtes „Hojudentum“ – jeder europäische Fürst hatte seinen jüdischen Bankier. Weder die Fürsten waren an einer Gleichstellung der Juden emanzipiert, noch die Juden selbst. Gleichstellung hätte bedeutet, die Sonderstellung der Juden als von allen anderen getrennten „gesellschaftlichen Körper“ aufzugeben. Aus Sicht der Fürsten wäre damit ihre wichtigste Finanzquelle versiegt, aus Sicht der Juden (die nicht in politischen sondern religiösen Kategorien dachten) würde eine Gleichstellung zur Assimilation führen, zum „Verschwinden“ des Judentums in der breiten Masse der jeweiligen „Staatsvölker“. Die jüdische Religion ist im Gegensatz zu allen anderen großen Religionen exklusiv auf die Juden selbst beschränkt, eine Vermischung mit anderen Völkern daher genauso wenig erwünscht, wie die Missionierung anderer Völker.

Denen wir lt. Arendt quasi als Weiterführung dieser aus dem Mittelalter stammenden Gewohnheitsrechte auch den „Wohlfahrtsstaat“ zu verdanken haben.

5 Der durch die bereits voll entwickelte Industrialisierung und kapitalistischen Strukturen in England gute Qualität zu billigen Preisen in Massenproduktion herstellen konnte und damit die europäischen Märkte überschwemmte, sofern die Staaten nicht durch Zölle und andere Maßnahmen ihre einheimische Wirtschaft schützen. Da aber alle Staaten auch auf den von England dominierten Weltmarkt strebten, mussten sich alleine deswegen die nationalen Wirtschaften am Vorbild der englischen Wirtschaft „modernisieren“. Was zu der bereits von Marx erkannten Bildung von immer größeren Firmen und dabei eben auch Untergang von immer mehr kleinen Familienbetrieben führte.

6Auf der einen Seite die guten Monarchen als kümmernde Landesväter und nationale Wirtschaften, die dem Wohl des Staates, also Gemeinwesens dienen auf der anderen Seite käufliche parlementarische Politik und Konzerne, die nur nach immer mehr Rendite streben und sich für die „kleinen Leute“ überhaupt nicht interessieren. Diese Argumentation hält in veränderte Form (zentraleuropäische soziale Marktwirtschaft vs.angelsäxischen Kapitalismus) bis heute an.

7 Auch Bismarck hatte mit Bleichröder seinen „Hofjuden“, der Kapital beschaffte, v.a. Als Bismarck nicht die Zustimmung des preußischen Parlamentes erhielt, und die britische Regierung hatte mit Disraeli sogar in den 1860er und 70er Jahren einen jüdischen Premierminister.

8Dass die jüdischen Banken mitnichten noch die großen ökonomischen Player wie zu Zeiten der barocken Hofjuden waren, dass nicht-jüdische Banken und Großkonzerne über viel größeres Kapital verfügten und einstige Macht und Glanz des internationel agierenden Bankhauses Rothschild schon lange verflogen waren, war damals genauso wenig allgemeines Wissen, wie es heute allgemein bekannt ist, dass die einst so mächtige Deutsche Bank seit Jahren in der Krise ist, Milliardenverluste einfährt und durchaus „fallen“ könnte. Wer von den 83 Millionen Deutschen liest schon regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitungen?

9Verfasserschaft unklar, Verwendung von umfangreichen Textpassagen aus anderen älteren, nichtjüdischen und satirischen Werken. Die Theorie, dass der russische Geheimdienst die Protokolle verfassen ließ, ist nicht bewiesen aber die erste Veröffentlichung erfolgte 1903. Dass die „Prokolle“ die Funktion hatten, westlich-liberale und dadurch antiklerikale-antiadlige Ideen anzugreifen und zunehmende Kritik an der Herrschaft von Adel und Zar in Russland auf die Juden als „Sündenbock“, als eigentliche Verantwortliche für ökonomische Probleme und die zunehmende soziale Misere, umzuleiten, ist plausibel und gab den Weg vor, in dem auch später die Nationalsozialisten argumentierten.

10Bei Darwin: Der an die jeweiligen Bedingungen durch genetischen Zufall am besten angepassten Spezies und nicht der „stärksten“, „brutalsten“, „kriegerischten“ oder auch nur „kultiviertesten“ Art. S. Darwin, Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Leipzig, 2012, Reclam, S.

11Die sich bis in die Antiker verfolgen lassen, dort um die Frage zirkulierten, wieso manche Menschen eine eher „unterwürfige-sklavische“ oder eine mehr „tatkräftige-herrschende“ Natur haben, inwieweit dies Merkmal bestimmter Völker sei und welche Ursachen (v.a. Klima) es habe. Ein Rassismus, dass etwa eine Rasse grundsätzlich besser als die anderen sei, kam dabei jedoch nicht heraus. So gingen griechische Denker nur davon aus, dass die Griechen und andere Mittelmeervölker aufgrund des im Gegensatz zur Tropenhitze und nordischen Kälte wohltemperierten Klimas die ausgeglichensten Merkmale hätten (Kälte = große Köper, also Stärke, Mut, Kampfkraft usw., Wärme = schwächere Körper aber höhere geistige Fähigkeiten), aber eben nicht, dass sie „stärker“ oder „klüger“ als andere wären. Eben nur die „goldene Mitte“ verkörperten. Eine Gleichsetzung dieser mit „besser“ und der anderen mit „schlechter“ setzte sich nicht allgemein durch. Deswegen konnten z.B. im Römischen Reich später auch Angehöriger anderer Völker Kaiser werden. – Im 19. Jh. ist Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen, 1853-55, sehr einflussreich gewesen, der erstmals die Theorie einer „arischen Herrenrasse“ aufstellte.

12Eine Neuauflage (mit Anwendung von aus den neuen Wissenschaften stammenden Begrifflichkeiten) des viel älteren, ursprünglich aus dem islamischen Kulturraum stammenden Hautfarbenrassimsus, mit dem die millionenfache Versklavung von Afrikanern erst durch Muslime und ab dem 16. Jh. dann zusätzlich auch durch Europäer, die in den islamischen Sklavenhandel eintraten, legimiert wurde. Vgl. Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, München, 2009, C.H. Beck, S. ??

13Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Ausgabe Piper, München, Berlin, Zürich, 1986, S.96.

14Und dadurch bis heute andauernde westliche Geheimdienstoperationen aber auch offene militärische Aktionen auslösten, um durch „regime changes“ diese Länder in kapitalistische Weltmarktstrukturen zu halten, die aber für diese Länder mehr Nachteile als Vorteilte bringen, weil ihre Rolle in diesem Produktionskreislauf auf den Export von billigen Ressourcen und Import von teueren Konsumgütern limitiert ist.

15 Immerhin hat er viele Länder, die technologisch und wirtschaftlich im Vergleich zum „Westen“ Jahrzehnte bis Jahrhunderte zurück lagen, innerhalb weniger Jahrzehnte aus „mittelalterlichen“ Skrukturen in die Moderne geholt. Die damit verbundenen menschlichen Kosten wurden in Kulturen, die weniger individualistisch und mehr kollektivistisch denken und wo Menschen weniger als ihr Gemeinwesen aktiv gestaltende „Bürger“ sondern mehr als passive Untertanen-Objekten („Menschenmassen“) gelten, eher als akzeptabler Preis angesehen.

By | 2018-04-02T14:26:45+00:00 April 2nd, 2018|Categories: Allgemein|Kommentare deaktiviert für Antisemitismus vs. „struktureller Antisemitismus“ durch „Bankenkritik“

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